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Tagung im Literaturhaus Frankfurt : Arabischer Textfrühling

  • -Aktualisiert am

Die Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan hat die staatlichen Repressionen bereits deutlich zu spüren bekommen. Für sie ist das Schreiben eine hochpolitische Angelegenheit Bild: Wonge Bergmann

Revolutionäre Autorinnen und Autoren in Frankfurt: die Arabellion verhalf den „Tagen der arabischen Literatur“ zu großem Echo. An der Politik führte auch im literarischen Gespräch kein Weg vorbei.

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          Noch vor anderthalb Jahren wäre nicht denkbar gewesen, was sich am Wochenende in Frankfurt ereignete: Die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika hatte zu den „Tagen der arabischen Literatur“ geladen - und es kamen so viele, dass sich die Schlange vor der Kasse im Literaturhaus in einem großen Bogen durch das gesamte Foyer zog und den Letzten im Glied schließlich mitgeteilt werden musste, dass sie leider zu spät gekommen waren. Niemals wäre das Interesse an arabischer und nordafrikanischer Literatur so groß gewesen, hätten die Länder in der Region nicht in den vergangenen Monaten einen Umsturz erlebt, der in ihrer Geschichte einzigartig ist. Die politischen Ereignisse haben den Weg hin zur Literatur, den so viele Besucher nun beschreiten wollten, erst geebnet, und so war im Grunde vorhersehbar, dass man auch in Frankfurt nicht über Literatur würde sprechen können, ohne die Politik stets im Blick zu behalten.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Für die vielen angereisten Fachleute, die als Arabisten und Orientalisten seit Jahren die literarischen Felder in Syrien, Ägypten, Tunesien, Bahrein und dem Libanon beackern, mag dies ernüchternd gewesen sein. Doch was sollte man einer Frau wie der Syrerin Rosa Yassin Hassan entgegnen, der es nach wochenlangem Ringen mit den Behörden in ihrem Land erst in letzter Minute gelungen war, ein Visum zu ergattern, und die nun freimütig erklärte, sie wäre gar nicht gekommen, hätte sie den Eindruck gehabt, dass man in Frankfurt nur über Literatur sprechen wollte.

          Man konnte sich rasch auf ein wichtiges Argument einigen: Wir brauchen nicht mehr kritische Texte, wir brauchen Meinungsfreiheit!
          Man konnte sich rasch auf ein wichtiges Argument einigen: Wir brauchen nicht mehr kritische Texte, wir brauchen Meinungsfreiheit! : Bild: Wonge Bergmann

          Denn natürlich war, was sie über die Lage in ihrem Land zu berichten hatte, schockierend: Den von den Vereinten Nationen geschätzten sechstausend Menschen, die im Kampf mit dem Regime ihr Leben verloren hätten, stellte die resolute junge Frau eine weitaus höhere Dunkelziffer entgegen. Alle Menschen lebten in Angst, viele im Untergrund, die Verletzten mit Medikamenten und Nahrung zu versorgen sei schwierig und gefährlich. Internet und Telefon würden überwacht, die Kommunikation unter den Aufständischen aufrechtzuerhalten sei nur unter größten Vorsichtsmaßnahmen möglich. Repression und Zensur, jene Faktoren, die die Revolutionen in den arabischen Ländern maßgeblich verursacht haben, hat Rosa Yassin Hassan selbst erlebt. Wegen ihrer Texte ist die Journalistin und Autorin Dutzende Male verhört und zudem mit einem sechs Jahre dauernden Reiseverbot bestraft worden. Von den vier Büchern, die sie bisher geschrieben hat, durfte nur der Roman „Ebenholz“ in Syrien in einer zensierten Version erscheinen; die anderen konnten nur in Ägypten und im Libanon veröffentlicht werden.

          Die literarische Stimme gelangt selten ans Ziel

          Vor diesem Erfahrungshintergrund, den Rosa Yassin Hassan mit ihren Kollegen, etwa dem aus Bahrein stammenden Dichter Ali Al-Jallawi und dem Ägypter Magdy El-Shafee, die ebenfalls beide Opfer der Zensur geworden sind, teilt, war zu verstehen, warum sie weniger über ihre Texte und mehr über politische Forderungen sprechen wollte. Den realpolitisch motivierten, aber auch etwas naiven Einwand mancher Zuhörer, von Diskursen über große gesellschaftliche Veränderungen, die ohnehin Generationen dauern würden, vorerst abzusehen und sich stattdessen lieber der Frage zu widmen, wie die schon vorhandene kritische (Text-)Substanz unterstützt werden könnte, parierten nahezu alle angereisten Autoren sinngemäß mit dem Argument: Wir brauchen nicht mehr kritische Texte, wir brauchen Meinungsfreiheit! Und natürlich ist nachvollziehbar und richtig, dass man von niemandem erwartet, im Aufstand sein Leben zu riskieren und sich gleichzeitig mit weniger als allem zufriedenzugeben. Wer eine Revolution anzettelt, will eine Revolution.

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