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Guantánamo-Tagebuch : Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

In Demutshaltung: Häftlinge im Camp X-Ray von Guantánamo Bild: Reuters

Es ist das erste Zeugnis eines Gefangenen, der noch immer in Guantánamo sitzt. An diesem Dienstag erscheint Mohamedou Ould Slahis Tagebuch - zensiert und mit zehn Jahren Verspätung. Es ist ein langer und qualvoller Bericht.

          5 Min.

          Bücher über Guantánamo sind keine Seltenheit mehr, aber das heute weltweit erscheinende von Mohamedou Ould Slahi ist eine Ausnahme. Denn sein Autor, der am letzten Tag des Jahres 1970 in einer Kleinstadt Mauretaniens geboren wurde, sitzt noch immer in dem Spezialgefängnis der amerikanischen Streitkräfte auf Kuba. In diesem Sommer werden es dreizehn Jahre sein, dass man ihn widerrechtlich dorthin verschleppt hat. Es hat zehn Jahre gedauert, bis seine Aufzeichnungen für den Druck freigegeben wurden. Slahi schrieb sie innerhalb weniger Monate im Jahre 2005 handschriftlich nieder.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Für Amerika ist Slahi ein Top-Terrorist, ein führendes Mitglied von Al Qaida, der die Piloten der Anschläge vom 11. September 2001 angeworben haben soll; sein Vetter und Schwager war theologischer Berater von Usama Bin Ladin. Slahi selbst sieht sich als Opfer eines hysterischen Rachefeldzugs, der sich gegen den Islam im Allgemeinen und gegen Araber im Besonderen richtet. Slahi spricht Arabisch, Französisch, Deutsch und mittlerweile Englisch. Er ist hochintelligent und gläubig, den Koran kann er auswendig. Zwölf Jahre hat er in Deutschland mit seiner in der Zwischenzeit von ihm geschiedenen Frau gelebt, in Duisburg, wo er mit einem Stipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft Elektrotechnik studiert und dann als Ingenieur in der Telekommunikationsbranche gearbeitet hat. Er mag das Land und seine Regeln. Dass es festgesetzte Preise gibt, die einem das Handeln ersparen, ein funktionierendes Rechtssystem, dass deutsche Männer toleranter gegenüber Homosexuellen als amerikanische sind. Amerika, das ist für ihn das Land, in dem christliche Terrororganisationen „sämtliche Freiheiten genießen“.

          Was die amerikanische Zensur übrig ließ: eine Druckseite aus dem „Guantánamo-Tagebuch“

          Anfang der neunziger Jahre schließt er sich bei zwei Reisen nach Afghanistan Al Qaida an, um wie seine Glaubensbrüder gegen die Kommunisten zu kämpfen - zu einer Zeit, als Al Qaida dort die gleichen Ziele wie die Vereinigten Staaten verfolgt. Nach einem kurzen Aufenthalt in Kanada folgt Slahi dem Wunsch seiner Mutter - er nennt sie durchgehend „Mom“ - und kehrt nach Mauretanien zurück. Da ist er neunundzwanzig. Auf der Heimreise im Februar 2000 greift das amerikanische Imperium das erste Mal mit Amtshilfe im Senegal, später in Mauretanien auf ihn zu. Man verdächtigt ihn, am sogenannten Millennium-Plot, der geplanten Bombardierung des Flughafens von Los Angeles, beteiligt gewesen zu sein; FBI-Agenten verhören ihn, lassen ihn aber wieder laufen.

          14 Jahre in Haft - ohne Anklage

          Eineinhalb Jahre später, keine drei Wochen nach den Anschlägen von New York, wiederholt sich die Prozedur. Wieder wird Slahi als unschuldig eingestuft, bis man ihn Ende November 2001 nach Jordanien verschleppt, wo er sieben Monate vom Geheimdienst verhört wird. Dann wird er nackt und in Ketten nach Bagram in Afghanistan geflogen, schließlich weiter nach Guantánamo. Dort sitzt er seit Anfang August 2002, und sämtliche Versuche, ihn wieder in Freiheit zu bringen, sind gescheitert; Anklage gegen ihn wurde nie erhoben. Die Anschuldigungen waren von Anfang an vage. Sie lauten auf Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten, Vorbereitung und Beteiligung an Terrorakten, Anwerbung für Al Qaida. Rasch beginnt der Leerlauf in den Verhören. Man kann ihm nichts beweisen, aber sein Profil ist einfach zu verlockend für die Ermittler.

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