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Tätowierte Museumsstücke : Kunst am Bauch

  • -Aktualisiert am

Das Museum der niederländischen Stadt Dordrecht ist wegen Totalumbaus geschlossen, wichtige Werke allerdings können weiterhin bewundert werden: frisch tätowiert unter die Haut Freiwilliger. Das Beispiel könnte Schule machen.

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          Öl auf Leinwand, Bleistift oder Pastellkreide auf Papier, Tempera auf Holz - das sind so die Techniken, mit denen man traditionell Bilder herstellt, wenn sie nicht gleich als Skulptur aus Marmor oder Holz, Schrott oder Bronze im Raum herumstehen. Fotopapier, Zelluloid, Digitalbild, Internetvideo haben den Kunstbegriff ebenso erweitert wie die flüchtigere Kunstform des Happenings, das dann aber auch meistens wieder in Bildern bürokratisch diskursiviert und archiviert wird.

          Eine uralte Technik schafft es dagegen in der Regel nie ins Museum, obwohl sogar schon unser Ahnherr Ötzi sie anwandte und sie vor allem in der Südsee seit vielen Jahrhunderten Bildwelten auf den Kunstliebhabern selbst hinterlässt: die Tätowierung. Das Museum der niederländischen Stadt Dordrecht nutzt nun Tattoos als Kopien der Dauerausstellung, die derzeit wegen eines Totalumbaus nicht zu besichtigen ist - Kunst am Bauch statt Kunst am Bau. Seit Mai hat der Kurator Jan Kryszos vier Freiwillige aus einer größeren Anzahl von Bewerbern herausgesiebt, die nicht nur bis zur Wiedereröffnung des Museums, sondern lebenslang einige exemplarische Kunstwerke herumtragen werden.

          So könnte Deutschland wirklich Staat machen

          Die mutigen Versuchspersonen wurden inzwischen gefunden, und vom 25. Juli an wird ein professioneller Tätowierer in einem verbliebenen Ausstellungsraum die ausgesuchten Motive auf die Körper der Erwählten übertragen. Weil sich hinter jedem Tintenhautbild eine persönliche Geschichte verbirgt, sei, so das Museum, auch die Auswahl sehr individuell. Den kopfüber hängenden „Toten Raben“ von Floris Verster habe sich jemand ausgesucht, der viel mit dem Tod konfrontiert sei. Wohingegen die fidele Ente auf einem Ölbild von Albert Cuyp bald einen hauptberuflichen Vogelschützer schmücken wird. In Dordrecht kann man sich ein lebendes Bild davon machen, wie die grellbunten Männchen Karel Appels auf einem Oberarm wirken werden. Und kann Otto Dickes perspektivische Skizze eines Hafenkais tatsächlich ein weibliches Decolleté mit ungeahnten Fluchtlinien verschönen?

          „Auf den Leib geschrieben“ nennt sich die ungewöhnliche Kunstausstellung, die auf besonderes Interesse stößt bei den deutschen Nachbarn, deren First Lady Bettina und deren junge Fußballer mit tätowierter Körperkunst seit kurzem das jugendliche Ansehen ihres Landes in der Welt eifrig mehren. Zudem ist unser neues Wappentier ohnehin der Tintenfisch. Vielleicht bieten bald ja auch Berliner Museen der politischen Elite einen ästhetischen Aufputz an: „Nofretete“ an der Wade, Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“ auf der Stirn oder der ganze Pergamonaltar auf dem Bauch. Mit solchen Bildern könnte Deutschland wirklich Staat machen.

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