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Täteranalyse : Die ungestellten Fragen von Oslo

  • -Aktualisiert am

Lichtwache für die Opfer am gegenüberliegenden Ufer der Insel Utøya Bild: AFP

Hat Anders Breivik etwas falsch verstanden, oder haben wir noch nicht verstanden, dass er gar nicht gegen konkrete Menschen kämpfte, sondern gegen Ideen? Die Amokläufer-Psychologie versagt.

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          Es gehört zur Logik des Terrorismus, nicht nur Täter und Opfer zu kennen, sondern die Gesellschaft selbst durch Miterleben in Mitleidenschaft zu ziehen. Für deren Verunsicherung und Angst gibt es keine etablierten Kanäle der Aufarbeitung, keine Seelsorge, keine Medizin, kein Recht. Jeder Terrorakt zwingt der Gesellschaft Fragen auf, und es ist kein Zugeständnis an eine Macht des Täters, solche Fragen zuzulassen, aufzugreifen und ernst zu nehmen. Sollten wir überhaupt versuchen, den Täter zu verstehen? Hat der Täter seine eigene Tat verstanden? Kann er überhaupt erklären, was er tat, oder müssen Antworten nicht ganz woanders gesucht werden?

          Der Täter selbst kennt in seinem hinterlassenen Text nur Appelle, keine Fragen. Und wenn dort doch Fragen auftauchen, betrafen sie nur die Strategie der Umsetzung seines Plans; um zu verstehen, was geschah, hilft das nicht. Denn es kommt jetzt auf Fragen an, die sich nicht an den Täter richten, keine Rücksicht auf seine Appelle nehmen und die unabhängig davon zu stellen sind, ob es sofort befriedigende Antworten auf sie gibt.

          Die Tätermerkmale waren bislang für islamistische Kämpfer reserviert

          Es sind nur wenige Merkmale, in denen die Tat von Oslo anderen ideologisch motivierten Anschlägen ähnelt. Die Weltgesellschaft und ihr massenmedialer Resonanzboden sind die Bühne, die Opfer sind hauptsächlich als Stellvertreter und somit in hohem Maße zufällig gewählt, und der Täter hat seine Tat langwierig geplant, er war vorbereitet, ausgerüstet und unbeirrbar. Diese Merkmale waren bislang für islamistische Kämpfer reserviert – so sehr, dass, sofern man den entsprechenden Berichten Glauben schenken kann, solche Islamisten sich mit dem Täter solidarisierten, bevor sie bemerkten, welcher Verwechslung sie aufsaßen.

          Mittlerweile wandelt sich auch auf Seiten der Terrorexperten der Eindruck, den die Tat hinterlässt. Der Täter hat keine Gesinnungsgenossen. Seine Radikalisierung beruht auf psychischer und sozialer Abschottung. Er litt unter einer fixen Idee, der Islamisierung Europas, die er weniger in seiner Lebenswelt als in Texten erlebte. Und er lebt noch! Das ist alles eigenartig und neu.

          Das im vergangenen Jahrzehnt durch massenmediale und politische Rhetorik entstandene Bild des Terrorismus ist in seine Puzzleteile zerfallen. Selbst die wichtige Frage, ob Anders Breivik ideologisch und fundamentalistisch gehandelt hat, wurde viel zu schnell beantwortet. Der Täter gefällt sich beispielsweise im Bild des Ritters und idealistischen Kämpfers. Er hat dieses Bild aus seiner Rezeption des Dschihad abgeleitet. Doch seine Bewunderung hatte Grenzen. Er übernahm die Idee, das Leben Unschuldiger für seine Idee zu opfern; doch die wichtigste Komponente, auch das eigene Leben seiner Idee unterzuordnen, hat er nicht übernommen. Ebenso interpretiert er die Idee des Kampfes in seiner eigenen Logik. Denn er kämpfte ja gar nicht.

          Er legt Bomben im Hinterhalt und erschießt wehrlose Kinder. Im Vorfeld der Tat weicht er jedem Widerspruch aus. Er diskutiert nicht, geht keine Beziehungen ein und zieht sich aus allen Gruppierungen zurück. Er widerspricht dem Muster des Rechtsradikalen, zu dem die Vergemeinschaftung durch Kameraderie gehört; ein Merkmal, das auch die Terrorzellen von Al Qaida aufweisen. Und er entledigte sich offenbar auf Zuruf seiner Waffen. Bei dem Bild, das sich für die auf der Insel eintreffenden Polizisten bot, kann die Priorität nicht die Festnahme des Täters gewesen sein. Doch Breivik blieb nicht nur am Leben, sondern auch unverletzt. Trieb ihn eine Ideologie oder ein Kalkül? Wollte er die Prominenz seiner Täterschaft bewusst miterleben? Waren die vielen Toten ein kalkulierter Preis? Der Täter teilt mit, seine Tat sei ein „symbolischer Akt“. Doch sie ist weder Symbol noch Zeichen, sie ist an Faktizität kaum zu überbieten. Er traf nicht nur einen stellvertretenden Teil der von ihm gehassten Gesellschaft, er traf sie in ihrer Mitte. Bei der hohen Zahl an Getöteten, die aus allen Gegenden Norwegens nach Utoya anreisten, liegt es nahe, dass jeder Bürger des Fünfmillionenvolks durch persönliche Beziehungen zum Opfer dieser Tat wurde.

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