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Frankreichs Schulreform : Tägliches Diktat?

  • -Aktualisiert am

Zwischen Agrarminister Stéphane Le Foll (l.), Premierminister Manuel Valls und Präsident François Hollande: Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem Mitte des Monats in Paris Bild: dpa

Bei der Präsentation ihrer überarbeiteten Schulreform lächelte Frankreichs Bildungsministerin, als hätte sie noch nie eine Kröte geschluckt. In einem Zeitungsartikel schreibt sie von Verbesserungen, die man in ihrer Reform vergeblich sucht.

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          Als „Pseudointellektuelle“ hatte Frankreichs junge Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem im Frühjahr ihre Kritiker beschimpft. „Lügen“ und „falsche Behauptungen“ verbreiteten Jean d’Ormesson, Régis Debray, Pierre Nora, Pascal Bruckner und Alain Finkielkraut. Sie hatten sich entsetzt über die Reform des „Collège“, das zur mittleren Reife führt, geäußert. Der Islam sollte fortan als Pflichtstoff behandelt, das christliche Mittelalter zum Wahlfach degradiert werden. Zuvor hatten die geschlechtsspezifischen Rollenspiele um das neue „Abc der Gleichheit“ für Wirbel gesorgt.

          Die Abschaffung der als elitär verschrienen zweisprachigen Klassen und das Zusammenlegen von Griechisch und Latein brachten die Eltern, die Lehrer, die bürgerliche Opposition und Deutschland gegen die Sozialisten auf. Als „Attila des Bildungswesens“ beschrieb der neunzigjährige Schriftsteller Jean d’Ormesson das „verrückte naive Mädchen“. „Reine Propaganda“, erwiderte die Ministerin mit Migrationshintergrund auf den Vorwurf, ihre Reform sei das Werk von „kleinen, ungebildeten, moralisierenden Ideologen, die eine beste aller Welten nach ihren Vorstellungen schaffen wollten“.

          Eine spektakuläre „Rolle rückwärts“

          Doch unter dem Druck der Öffentlichkeit organisierte sie im Juni ein Forum, an dem sich renommierte Historiker beteiligten. Deren Vorstellungen sind tatsächlich in die Reform eingeflossen, deren „zweite Version“ Vallaud-Belkacem jetzt präsentierte. „Es geht zurück zum nationalen Roman“, kritisiert nun eine linke Gewerkschaft. Die religiöse Frage wird entschärft, der heikle Stoff auf den Nenner „Christentümer und Islam (VI. bis XIII. Jahrhundert). Welten im Kontakt“ gebracht. „Das Programm hat den immensen Vorteil, dass es den Irrungen der bisherigen Programme ein Ende setzt“, erklärte Vallaud-Belkacem und lächelte, als hätte sie noch nie eine Kröte geschluckt.

          „Keine Revolution, viel frische Schminke“, urteilt der „Figaro“ und hält zumindest die PR-Aktion der unverfrorenen Ministerin für geglückt. Sie begleitete ihre Reform der Reform mit einem Aufsatz in „Le Monde“: „Ein Ja zu den täglichen Diktaten in der Schule!“ Vallaud-Belkacem plädiert für Lesen, Schreiben, Zählen, für Kopfrechnen und Auswendiglernen als Rezepte gegen den „Niedergang der Schule der Republik“ und für die „wirkliche Chancengleichheit“.

          Mit ihrer spektakulären „Rolle rückwärts“, wie ein Kommentator schrieb, ist es der Ministerin tatsächlich gelungen, die Eltern und die Öffentlichkeit einigermaßen zu beschwichtigen. Nach Stand der Dinge ist das Programm ab Herbst 2016 verbindlich. Aber von einem obligatorischen täglichen Diktat ist darin, anders als in „Le Monde“ zu lesen, keineswegs die Rede.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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