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Julia Bähr, Redakteurin im Feuilleton

Systemrelevante Berufe : Helden der Arbeit

  • -Aktualisiert am

Sie waren immer für uns da, wir wussten es nur nicht zu würdigen: Rewe-Kassiererin in Frankfurt Bild: Stefanie Silber

Wer hält den Laden eigentlich am Laufen? In der Krise ist es so deutlich wie sonst nie, aber es wird erstmals auch gewürdigt.

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          Den Anfang machte Jens Spahn, der aufforderte: „Schenken Sie der Kassiererin im Supermarkt ein Lächeln. Seien Sie geduldig, wenn es erforderlich ist.“ Dass ein Minister dem Volk erklären muss, wie man sich zivilisiert verhält, lässt natürlich tief blicken, aber sei’s drum: Die Botschaft kam offenbar an. Denn als nächstes verabredeten sich Köln und Berlin über soziale Medien dazu, abends um 21 Uhr von offenen Fenstern und Balkonen zu applaudieren, symbolisch, für die Ärzte und das Krankenpflegepersonal, das gerade noch mehr leistet als ohnehin schon. Aus Stuttgart wurde berichtet, dass eine ganze Nachbarschaft den Müllmännern Dankesworte aus den Fenstern zurief, als der Müllwagen in die Straße einbog. Und in München hing ein Bettlaken an einer Fassade, auf das die Bewohner geschrieben hatten: „Danke Euch. Ärzte, Pfleger, Apotheker, Arbeiter im Supermarkt & Drogeriemarkt und allen anderen, die raus müssen!!!“

          Drei Ausrufezeichen und plötzlich so viel Aufmerksamkeit – das ist vor allem für Verkäufer im Einzelhandel ungewohnt. Auch die Kanzlerin hob sie in ihrer Ansprache lobend hervor. Und während Pflegekräfte zu Recht schon seit längerem bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung fordern, haben Supermarktkassiererinnen keine Lobby, die nun endlich das anspricht, was jeder weiß: Bei vielen Ketten werden sie mies bezahlt und dann auch noch von den Kunden oft unverschämt behandelt. Es ist, als würden sie als Teil des Mobiliars gesehen. Wie die automatische Kasse, die es in manchen Filialen gibt, nur dass man nicht selbst scannt, sondern zwei Hände, die rasant arbeiten, an denen aber noch ein übersehener Mensch hängt. Die Herausforderung an diesem Job sind nicht die auslaufenden Joghurtbecher auf dem Kassenband, sondern die Kunden, die sich kaum zu einem Hallo durchringen können, das Wort Danke nicht kennen und dann auch noch ungehalten reagieren, wenn ihre Zigarettenmarke ausverkauft ist.

          Gerade potenziert sich diese Herausforderung, weil die meisten Filialen eine maximale Abgabezahl für Waren wie Klopapier, Mehl und Desinfektionsmittel eingeführt haben, die die Kassiererinnen dann durchsetzen müssen, während die Kunden sie anschreien und sich wie Ertrinkende an ihren Einkauf klammern. Mehrere Videos von solchen Szenen haben ihren Weg ins Internet gefunden, wo sie für immer stehen sollen zur Erinnerung: Wenn die Infektionsgefahr nachgelassen hat und die Angst auch, dann sollten wir unsere Erleichterung kanalisieren, indem wir an der Supermarktkasse so freundlich sind, wie es den Helden der Arbeit gebührt. Einige von uns haben da mehrere Jahrzehnte Ignoranz auszuwetzen.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

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