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Syrisch-katholischer Patriarch im Gespräch : „Der Nahe Osten braucht Christen wie der Teig die Hefe“

  • Aktualisiert am

Während einer Messfeier im Norden Beiruts: Patriarch Ignatius Joseph III. Younan Bild: AFP

Die syrischen Christen geraten zwischen die Fronten. Vom Bürgerkrieg ist diese Minderheit besonders bedroht. Ihr religiöses Oberhaupt hofft auf Verständigung - ein Gespräch mit Ignatius Joseph III. Younan.

          10 Min.

          In Syrien hat sich die politische wie auch die gesellschaftliche Situation dramatisch zugespitzt. Man kann sogar von einem katastrophalen Zustand sprechen. 130.000 Menschen sind umgekommen, mehr als sieben Millionen sind auf der Flucht, in vielen Regionen ist die Infrastruktur zerstört, täglich liefern sich die rivalisierenden Gruppen harte Kämpfe. Wie sehen Sie die Zukunft des Landes?

          Auf diese Frage habe ich leider keine Antwort, ich habe keinen Einfluss auf politische Entscheidungen. Mein Wunsch ist aber, dass nach all dem Leid, welches das Land und die Menschen erfahren mussten, das Blutvergießen endlich aufhört. Das syrische Volk muss begreifen, dass es keinen anderen Weg für eine gedeihliche Entwicklung des Landes geben kann als Begegnung und Dialog, damit ein politisches System aufgebaut wird, worin die Rechte aller Menschen respektiert werden.

          Sie meinen einen Dialog zwischen Regierung und Opposition?

          Ganz genau.

          Wie wir wissen, gibt es aber eine sunnitische Mehrheit in Syrien, die das Land nach dem Mehrheitsprinzip regieren möchte. Die meisten Gruppen der Opposition lehnen jeglichen Dialog mit dem syrischen Regime ab.

          Wir sollten das nicht zu eng sehen und uns nicht nur durch Religion oder Konfession festlegen lassen. Wir alle müssen die Koexistenz akzeptieren und wieder friedlich miteinander leben. Die Frage, wer mehr und wer weniger zählt, stellt sich doch gar nicht. Wichtig ist ein respektvoller Umgang miteinander. Das ist es, was ich mir wünsche.

          Trotz der Friedensverhandlungen während der sogenannten Genf-I-Konferenz ist noch keine Hoffnung in Sicht. Es gibt Interessen sowohl von externen als auch von internen Kräften, den Konflikt so lange weiterzuführen, bis einer gewinnt. Demnächst finden die sogenannten Genf-II-Verhandlungen statt. Welche Ergebnisse könnten dort erzielt werden?

          Ich rufe alle Völker mit Vermittlerpotential auf, ihren Prinzipien und ihren menschlichen Werten treu zu bleiben. Mit ihrer Unterstützung kann eine dauerhafte Versöhnung zwischen den Syrern herbeigeführt und der Frieden gefestigt werden. Die Dominanz einer Partei löst das syrische Problem nicht. Außerdem soll keiner aufgrund seiner konfessionellen Mehrheit oder Minderheit die politische Macht an sich reißen. Sonst sehe ich keine Lösung des Konflikts. Meines Erachtens wäre ein föderales System, also die Aufteilung in Bundesländer wie in Deutschland, optimal für Syrien. Allerdings kann keine Friedenskonferenz der Welt helfen, wenn der Kampf um Syrien mit ausländischen Geldern und Dschihadisten geführt wird.

          Was denken Sie über das Thema „Trennung von Staat und Religion“? Jesus Christus soll der christlichen Lehre zufolge gesagt haben: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ Ist das etwa ein Bekenntnis zum Säkularismus?

          Wir fordern die Trennung von Staat und Religion. Die Zeiten, da sich die christliche Kirche in die Politik einmischte, sind lange vorbei. Hoffentlich erleben wir keinen Rückschritt. Heute reflektieren wir Christen unseren Glauben kritisch. Wir gestehen frühere Fehler ein, aus denen wir gelernt haben. Politik und Religion gehören strikt getrennt. Beide Sphären haben ihre eigenen Aufgaben.

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