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Syriens Kulturerbe : Die Zukunft stirbt mit der Vergangenheit

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„Soldaten, Jahrtausende blicken euch an“: Die Truppen Napoleons hatten während dessen Orientfeldzugs die fremde Kultur zu achten. Die syrischen Soldaten und die Aufständischen aber zerstören ihre eigene Kultur, so wie die jahrtausendealte Zitadelle von Aleppo Bild: © Frederic Soltan/Sygma/Corbis

Der Bürgerkrieg in Syrien fordert täglich Dutzende von Menschenleben. Er macht auch vor dem Kulturerbe des Landes und der Menschheit nicht Halt. Und was den Granaten entkommt, fällt Vandalismus zum Opfer.

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          Sieben historische Stätten Syriens wurden seit 1979 zum „Unesco-Weltkulturerbe“ ernannt, eine Zahl, die freilich nur wenig aussagt über die Fülle der antiken und mittelalterlichen Denkmäler, die sich auf Syriens 185 000 Quadratkilometern Fläche, etwa der halben Größe Deutschlands, ausbreiten; bislang wurden dort rund sechstausend archäologische oder historisch bedeutsame Lokalitäten registriert.

          Nahezu alle diese Orte sind vom Bürgerkrieg bedroht oder bereits direkt betroffen. Besonders gilt das für Aleppo, die mit rund zweieinhalb Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes, in der sich seit einem knappen Jahr die blutigen Kämpfe konzentrieren.

          Gegenseitige Schuldzuweisungen

          Durch Aleppos Altstadt, seit 1988 Weltkulturerbe, läuft die Front zwischen den Anhängern und Gegnern von Präsident Assad. Die zentrale Omayyadenmoschee, 715 begonnen und 1260 wiederaufgebaut, hat in den letzten Monaten mehrfach den Besitzer gewechselt. Mit entsprechenden Folgen: Nach Beschädigung anderer Bauteile fiel am 14. April das Minarett an der Nordwestecke der Hofmoschee, das aus dem späten 11. Jahrhundert stammt; beide Kriegsparteien weisen sich seither gegenseitig die Schuld zu.

          Ende September 2012 war der angrenzende Suq, der größte Basar der arabischen Welt und einer ihrer ältesten, infolge der Kämpfe in Flammen aufgegangen. Aufständische und Regierungstruppen verhinderten durch weitere Gefechte Löschmaßnahmen. Es ist kein Trost, dass die riesige Anlage ab der Mitte der achtziger Jahre unter deutscher Mitwirkung vermessen und aufgenommen wurde, so dass sie wenigstens dokumentiert ist.

          Neben dem Suq erhebt sich, die gesamte Altstadt dominierend, der gut fünfzig Meter hohe Zitadellenberg. Die auf ihm errichtete Festung, die in ihrem heutigen Erscheinungsbild auf Malik az-Zahir Ghazi (1186-1216), einen der Söhne Saladins, zurückgeht, ist die größte islamische Burg des Mittelalters. Sie gehört zu den wenigen Bollwerken jener Zeit, die nie von den Kreuzfahrern eingenommen werden konnten.

          Bereits 1929 hatte Georges Ploix de Rotrou, Antikeninspektor des damaligen französischen Hochkommissariats und Leiter des von ihm drei Jahre zuvor gegründeten Archäologischen Museums von Aleppo, dort erste Ausgrabungen durchgeführt. Auch wenn er dabei bis in sieben Meter Tiefe vorstoßen konnte, blieb unklar, wie weit der Burgberg von der Natur gegeben und inwieweit er durch Bautätigkeit seit der Antike aufgetürmt wurde. Immerhin konnte das erste Monument aus der Mittelbronzezeit geborgen werden: ein Basaltrelief zweier geflügelter Genien, das seither den Eingang des Nationalmuseums von Aleppo ziert.

          1996 nahm ein deutsch-syrisches Archäologenteam unter Leitung des Berliner Altorientalisten Kay Kohlmeyer die Grabung wieder auf und legte dabei in den tiefsten Schichten einen Tempel des Wettergottes Hadad frei. Spektakulär waren 24 im Tempelinneren gefundene, mit Reliefs von Göttern und Mischwesen dekorierte Orthostatenquader aus Basalt.

          Sie entstammten dem jüngsten, im beginnenden 1. Jahrtausend vor Christus vorgenommenen Umbau des Heiligtums, das den bislang größten bekannten Tempel des Alten Orients repräsentiert. Seine Anfänge gehen in die Zeit zurück, als Aleppo unter dem Namen Halab im frühen 2. Jahrtausend vor Christus das Zentrum des Königreiches von Jamchad bildete.

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