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Syrien : Ein Sumpf aus Gerüchten

  • -Aktualisiert am

Rauchsäulen über Damaskus im Juli 2012. Bild: action press

Rosa Yassin Hassan schreibt von Damaskus aus einen Blog über den Alltag der Menschen in Syrien. Ihr Tagebuch ist eine Momentaufnahme des Bürgerkriegs.

          9 Min.

          17. Juni 2012

          Niemand kann den kleinen M., gerade mal zwölf Jahre alt, dazu bewegen zu erzählen, was mit ihm in den Stützpunkten der Staatssicherheit geschehen ist, als er monatelang dort verschwunden war. Nur der Arzt gab seiner Mutter Auskunft darüber, dass die Risse in seinem Intimbereich und am Anus vom Umfang der wiederholten Vergewaltigungen zeugen, die ihm während der Haft widerfuhren.

          M. war vor der Tür seiner Grundschule in einer Ortschaft im Gouvernement Rif Dimaschq verhaftet worden, wie Dutzende andere an jenem Morgen, an dem eine lautstarke Schülerdemonstration stattfand. Denn was M. passiert ist, ist nicht nur ihm geschehen. Das Ausmaß der körperlichen und seelischen Verletzungen, denen Tausende von syrischen Kindern seit Monaten ausgesetzt sind, kann nicht allein nach ihrer bloßen Anzahl bemessen werden. Zu beachten sind auch die Konsequenzen, die sich zerstörerisch auf das Gedächtnis der Kinder auswirken. Sie bewirken, dass M. hysterisch reagiert, sobald sich ihm ein Mann nähert, welcher Mann auch immer, und sei es sein eigener Vater. Außerdem bedrücken ihn jede Nacht Albträume. Er träumt von den Folterungen, die die anderen Häftlinge vor seinen Augen zu erleiden hatten.

          „Schaut da, ein Scharfschütze!“

          Die kleine S. gehört zu einer aus Homs abgewanderten Familie. Sie konnte während der Bombardierung des Viertels Chalidiya gerettet werden, bevor die Familie sich in das Haus der Tante in Damaskus flüchtete. Als S., nicht älter als zehn, das „sichere“ Haus betrat, erschien es ihr überhaupt nicht als das Paradies, das man ihr versprochen hatte. Denn das Haus der Tante hatte viele Fenster. S. geriet außer sich und schrie, wobei sie sich hinter ihrer Mutter versteckte, durch die vielen Fenster könnten doch Querschläger und Splitter hereinfliegen. Als sie das hohe Gebäude gegenüber sah, zeigte sie darauf und schrie noch lauter: „In diesem Haus kann man nicht wohnen. Es ist ganz offen für den Scharfschützen auf dem Haus da. Schaut da, ein Scharfschütze!“

          Alle Versuche der Tante, sie zu überzeugen, dass es hier keine Scharfschützen und Querschläger gebe, waren nutzlos. Die Kleine beruhigte sich erst, als alle in einem Innenraum ohne Fenster Platz nahmen, und nachdem sie sich außerdem überzeugt hatte, dass es im Haus einen Keller gab, in den man sich flüchten konnte, wenn die „Bombardierung“ losging. Trotzdem sprachen ihre Augen von der ständigen Furcht, die jedes Geräusch in der Umgebung zum Anlass nahm, in Tränen auszubrechen.

          Die syrische Journalistin und Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan bloggt seit Anfang des Jahres aus Damaskus.
          Die syrische Journalistin und Schriftstellerin Rosa Yassin Hassan bloggt seit Anfang des Jahres aus Damaskus. : Bild: Wonge Bergmann

          S. ist eines von Zehntausenden syrischen Kindern, die an einem ähnlichen Trauma leiden. Bombardierungen, Schläge, Schüsse und der Geruch des Todes überall machen heutzutage die Erinnerung der Kinder aus. In vielen aufständischen Regionen werden die Toten auf dem Boden aufgebahrt, manchmal mit abgeschnittenen Extremitäten und blutend, und die Kinder scharen sich um sie. Dabei ist der Gefallene vielleicht der Vater, ein Bruder, Verwandter oder Nachbar. Und so ist es nicht nur bei den Gefallenen der Opposition. Denn die Kinder der Soldaten des Regimes, die zumeist eher Werkzeuge in der Hand des Regimes sind, geraten genauso in Bedrängnis, wenn der Leichnam eines nahestehenden Menschen dort als Märtyrer aufgebahrt liegt. Und wie oft geschieht das heutzutage.

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