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„Eine Stimme zu spielen heißt die ganze Figur zu spielen, aus der sie spricht“: die Berliner Synchronsprecherin Anni C. Salander Bild: Maurice Bender/Filmgold

Die Synchronbranche boomt : Stimmen sind untrüglich

Die Berliner Synchronsprecherin Anni C. Salander leiht fremdsprachigen Schauspielern ihre Stimme. Ein Rundgang durch die florierende Synchronbranche.

          7 Min.

          Nimmt man einmal die wenigen Menschen aus, die eine stimmbildnerische und sprecherziehende Ausbildung hinter sich haben oder gerade machen, die sich also bewusst damit beschäftigen (als Schauspieler, Lehrer, Rundfunksprecher), wie das geht: deutlich zu artikulieren, dann ist die Stimme bei den allermeisten Menschen die große Unbekannte im Leib. Man setzt sie dauernd ein, ohne sich ihrer bewusst zu sein, die Stimme ist immer schon da, und nur wenn sie einmal heiser wird oder sich überschlägt oder plötzlich weg ist, gebricht, dann weiß man, dass man sie hat, die Stimme. Wenn Intimitätslogiker wie Niklas Luhmann meinen, dass Verstehen immer nur im Missverstehen möglich sei, dass also ein gefühltes Sichverstehen sich einem gemeinsamen Missverstehen verdankt, einer geteilten Ungenauigkeit der Wahrnehmung, dann ist das bestenfalls die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte heißt: Man versteht sich stimmlich, der Ton macht die Musik. Die Stimme führt zusammen, wo Inhalte trennen. Kommt es in Zeiten, in denen die Gesellschaft krass akkurat für gespalten erklärt wird, vielleicht aufs Stimmenhören an?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie seltsam! Da hört man sich den ganzen Tag beim Sprechen zu, weiß auch (von Tonbandaufzeichnungen zum Beispiel oder wenn man sich im Fernsehen hört), dass sich die eigene Stimme im eigenen Innenohr ganz anders anhört als von außen, für fremde Ohren. Aber so etwas fällt als Gewusstes nicht ins Gewicht, aufmerksamkeitsökonomisch ist es mit der Stimme wie mit dem Gott: mir näher als ich selbst, wie Meister Eckhart schrieb. Deshalb wohl bleiben die Stimme und der Gott für uns so unauffällig: weil sie unterhalb der Reizschwelle äußerer Einflüsse sind und noch im Verdrängtsein ihre Anwesenheit behaupten. Der Gott und die Stimme nehmen uns nicht von außen her in Besitz, sondern sind unentdeckt immer schon da, wie es ein Topos intimistischer Rede möchte („Und siehe, Du warst innen, und ich war draußen, Du warst bei mir, ich war nicht bei Dir“, Augustinus in seinen „Confessiones“). Auch die Liebesbegegnung ist ja streng genommen nichts, was uns zustößt. Vielmehr war man auf sein Gegenüber immer schon gestimmt gewesen. (Günther Anders spricht von der A-priori-Struktur der Liebe, er kommt ohne verklärte Andersheit des Anderen aus.) Die Stimme haben wir uns nicht ausgesucht, in ihrem Unwillkürlichen verrät sie uns eher, als dass sie uns repräsentiert, als seelischer Geheimnisträger ist sie ein Plappermaul.

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