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Sybille Berg : Mein kleines unruhiges Zweitland

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Israel: „Alltag geht da nur mit Verdrängen” Bild: AFP

Die meisten kennen Israel nur aus den Medien: Scharon, Mauer, explodierende Busse. Da willst du wohnen, fragen Leute. Die Schriftstellerin Sibylle Berg ist trotzdem gerade nach Tel Aviv gezogen: ein Erfahrungsbericht.

          Feiertage sind in Israel genauso öde wie überall, wenn man keine große Familie hat oder kochen muß, weil man eine große Familie hat oder religiös ist und eine große Familie hat. Das jüdische neue Jahr beginnt, Jom Kippur, das Laubhüttenfest, ein toter Tag jagt den anderen, ab heute einen Monat lang. In ein paar Stunden werden alle Geschäfte schließen, und wehe dem, der dann nicht eine nette Wohnung hat. Hab' ich.

          Um eine Stadt kennenzulernen, empfiehlt es sich, eine Wohnung zu suchen. Da hat man was zu tun, fühlt sich Touristen überlegen und lernt wichtige Sachen. Ich weiß jetzt, was Israelis mit Designerwohnung meinen (Fenster mit Bleiglas), was mit modern (die Fenster lassen sich bewegen), lebhaft (Hauptstraße, Busse, Hupkonzerte). Ich weiß, welche Stadtteile gehen (Zentrum) und welche nicht (Bat-Yam, sieht aus wie Rumänien).

          Meer vorhanden

          Jetzt wohne ich um die Ecke von der Hauptstraße mit Kaffees, Läden, Restaurants, und um die Ecke vom Meer. Draußen vor der netten Wohnung beginnen also die Feiertage, das heißt übersetzt: Konsumalarm wie überall vor Feiertagen. Die Straßen sind verstopft, die Mittagshitze hell und die Läden voll. Ich koche Hühnersuppe, was nicht weiter spannend ist, und fange an, mich normal zu fühlen. Ich habe gelernt, nicht zu freundlich zu sein, denn freundlich sein in Tel Aviv läßt die Männer denken: ficken; läßt die Frauen denken: geisteskrank, oder: will mit meinem Mann ficken. Ich habe gelernt, Autos mehr zu fürchten als Terroristen, (circa 600 Verkehrstote jedes Jahr, dagegen: 200 Terrortote).

          Die Idee, eine Wohnung in Tel Aviv zu haben, kam mir irgendwann, so wie alle schon mal dachten: oh ja, ich in New York. Oder Rom. Oder London. Ich kannte das Land, wie man ein Land eben kennt, von Familien, Freunden, Ferienbesuchen. Bei Nacht ist Tel Aviv kaum auszuhalten vor Gutaussehen: Hunderte von Bauhaus-Häusern, Bäume, von denen Schlingpflanzen runterlappen, der Geruch von Fremd, alle Menschen scheinen so viel spannender als daheim, das Essen so viel feiner, und das Meer vorhanden.

          Alltag und Attentat

          Ich habe mich das erst nicht getraut, mit der Wohnung, ich habe ja hier eigentlich nichts zu suchen. Weder bin ich Katastrophentourist noch Russe noch eigentlich dekadent. Die Entscheidung kam sehr unoriginell vor einem Jahr, wegen Liebe, und da sitze ich jetzt und erzähle das, weil manche Leser vielleicht wissen wollen, wie man auf die Idee kommt, hier zu leben. Ich habe ja auch keine Ahnung vom Alltag auf den Fidschi-Inseln, und da kann man schon mal fragen.

          Die meisten kennen Israel nur aus den Medien: Scharon, Mauer, explodierende Busse. Da willst du wohnen, fragen Leute. Irgendwann weiß man, daß man überall wohnen kann, wo es thailändisches Essen gibt und man sich als Frau nicht verschleiern muß. Im Moment gleicht Israel einem Experiment, das mißlungen ist. Ein Land sollte es sein, das sozialistisch funktioniert. Allen gehört vieles gemeinsam, Menschen verschiedener Nationalitäten sollten hier eine Heimat finden, die Wüste bewässern, kameradschaftlich miteinander umgehen. Ben Gurion belebte die alte Bibelsprache neu, das sollten sie reden, die Leutchen, und Jaffa-Orangen ernten.

          Mißglücktes Experiment

          Das Experiment mißglückte aus Gründen. Es gab am Anfang keine Selbstmordattentäter, keine Panzer und keine Mauer. Palästinenser und Juden hatten Anspruch auf das kleine Land, und warum ein Zusammenleben nicht funktionierte, kann man anderswo detaillierter nachlesen. Israel war umgeben von Ländern, in denen viele auch nur wußten, was sie aus den Medien und durch Propaganda lernten, und das war, daß die Juden Schweine sind, die man ins Meer treiben und dort sterben lassen müßte.

          Nach dem Dritten Reich war es klar, daß Juden ein wenig empfindlich auf die Androhung von Völkermord reagierten, und das ist einer der Gründe für die heutigen Unruhen. Der andere ist, daß Sozialismus nicht mit Menschen funktioniert. Brüderlichkeit, Gleichberechtigung und Mitgefühl sind nicht mehr als warme Gedanken. Und so ist Israel zu einem nervösen Land mit so vielen Problemen geworden, daß es selbst mir als Genie schwerfällt, eine Idee zu entwickeln, wie alles besser werden könnte.

          Laut ist Pflicht

          Ich beginne ein wenig abzustumpfen wie die meisten hier. Was kannst du dich täglich aufregen, in einem Land, in dem es 400.000 registrierte Arbeitslose gibt (die nichtregistrierten sind nochmals doppelt soviel), die Wirtschaft zusammenbricht, das Bildungssystem bachab geht und Angst passiv das Leben bestimmt. 3838 Terroranschläge gab es im vergangenen Jahr, täglich sind es 40 Attentatsversuche. Alltag geht da nur mit Verdrängen.

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