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Suizidbeihilfe : Selbstbestimmung und Tötungsaffekt

Die Entscheidung des Bundestages zur Suizidbeihilfe lässt vor allem eine Frage offen: Warum soll sich die Verwerflichkeit derselben eigentlich an ihrer Geschäftsmäßigkeit festmachen?

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          Zu den Schlüsselfiguren deutscher Affektgemeinschaften gehört der lebensmüde Mensch. Man will für ihn nur das Beste - ähnlich wie für den Flüchtling, das behinderte Kind, den Konsumenten - und schafft ebendadurch das für ihn Schlechte. Dem Flüchtling, den man in zu großer Zahl ins Land lässt, kann keine angemessene Integration geboten werden; dem geistig behinderten Kind, das man notdürftig inklusiv beschult, nimmt man die ihm dienende Förderschule; den Konsumenten, den man rundum mit Verbrauchertipps betreut, bringt man um seine Mündigkeit. All diese Personen haben das Pech, zum Kristallisationspunkt von Affektgemeinschaften geworden zu sein.

          Im Umgang mit ihnen haben sich hierzulande starke Emotionen vor das Denken und Handeln geschoben, wobei Jan Philipp Reemtsma schon recht hat: Affekte sind nicht etwas Hinzukommendes, das Denken und Tun lediglich Begleitendes, sondern in einem Affektregime ist es die Verve der Befindlichkeit selbst, die den Verblendungszusammenhang stiftet. Die radikale Veränderung der Welt im Affekt ist demnach ein im Grunde magischer Akt beziehungsweise ein Erfassen der Welt als eines der Magie zugänglichen Orts, an dem sich alles ändern kann, was in abgekühlten Formen der Welterfassung für rational gehalten wird - so eben auch im Verhältnis von Leben und Tod, Schwäche und Stärke, Selbst- und Fremdbestimmung.

          Was ist mit psychischen Leidenszuständen?

          Mit welcher Verve wurde gestern im Bundestag die Selbstbestimmung des Lebensmüden nochmals als der alles Recht überstrahlende Wert beschworen! Die Beihilfe zur Selbsttötung dürfe, so befand die Mehrheit der Abgeordneten, keinesfalls grundsätzlich als Unrecht gelten. Wer dem Wunsch des Suizidalen, aus dem Leben zu scheiden, mit helfenden Händen beispringe, verwirkliche eine humanitäre Option - es sei denn, so entschied der Bundestag, es sei denn, man nehme Geld dafür oder tue es regelmäßig.

          Aber warum soll sich die Verwerflichkeit der Suizidbeihilfe eigentlich an ihrer Geschäftsmäßigkeit festmachen? Warum soll in einer Gesellschaft, die sich einer liberalen, auf Qualitätssteigerung ausgerichteten Marktwirtschaft verschreibt, die Suizidbeihilfe - sofern man sie als solche gutheißt - nicht kommerzialisiert und organisiert werden? Der Affekt, mit dem der Suizidale als Testfall der Selbstbestimmung herhalten muss, leitet auch andere Paternalismen an, die in der gestrigen Debatte aufschienen. Warum etwa soll Suizidbeihilfe, einmal erlaubt, nur bei einer unheilbaren, zum Tode führenden Erkrankung zulässig sein? Spricht aus dieser Restriktion nicht eine Fremdbestimmung, die man gerade vermeiden will?

          Was ist mit psychischen Leidenszuständen? Mit welchem Recht will man sie von einer Suizidbeihilfe ausschließen, die man prinzipiell befürwortet? Erklärt jemand nach reiflicher Überlegung, einem zukünftigen unerträglichen Leiden nicht ausgesetzt sein zu wollen - was will man seinem Wunsch nach Suizidbeihilfe entgegenhalten, da man sie doch im Grundsatz billigt? Verstößt nicht jede Einschränkung einer rechtlich abgesegneten Suizidbeihilfe gegen die Pflicht, das Selbstbestimmungsrecht zu achten? Es mag, was Tonfall und Ernsthaftigkeit der Debatte angeht, sich gestern um eine der vielfach beschworenen Sternstunden des Parlamentarismus gehandelt haben. In der Sache war sie dies freilich nicht. Der Tötungsaffekt, den der Bundestag dem Lebensmüden entgegenbringt, wird nicht dadurch besser, dass geschäftsmäßige Sterbehelfer nun als Sündenböcke dastehen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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