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Suhrkamp-Verlag : Ein literarischer Stern soll verglühen

  • -Aktualisiert am

Aus einem Gesellschafterstreit wird eine Affäre gemacht

2. Auch was Siegfried Unseld wollte, ist glasklar und nicht „höchst umstritten“. Zum einen: Ulla Berkéwicz als Verlegerin zu installieren. Zum anderen: Nachdem sie dazu zunächst nicht bereit war, eine Stiftung zu gründen, die so konstruiert ist, dass seine Frau das „letzte Wort“ im Verlag behält. Ende der neunziger Jahre wird klar, dass Unselds Frau die Verlage nicht leiten will. Am 10. Juli 1999 teilt Unseld seinem Anwalt handschriftlich mit: „Nachdem meine Ehefrau Ulla Unseld-Berkéwicz meinen Wunsch abgelehnt hat, als Verlegerin die Verlage Suhrkamp/Insel zu leiten, beauftrage ich Sie als meinen Testamentsvollstrecker, die Siegfried-Unseld-Stiftung zu errichten...In meinem Todesfall soll Ulla Unseld-Berkéwicz den Vorsitz übernehmen, so dass das letzte Wort bei ihr liegt.

3. Wie ungerecht auch immer Unselds Einschätzung der unterdessen installierten Geschäftsführer gewesen sein mag: er überzeugt seine Frau im Jahre 2002, dass sie als weisungsbefugte Geschäftsführerin der Holding die Gesamtverantwortung übernehmen muss. Dies geschieht durch den Beschluss vom 26.April.

All das hätte mit einem einzigen Anruf herausgefunden werden können. Aber weil es wirkungsvoller ist, aus einem Gesellschafterstreit eine Affäre zu machen, die Beteiligten ins Zwielicht zu tauchen und eine Investigation vorzutäuschen, die in Wahrheit über das Archiv nicht hinauskommt, lässt man sich seine steilen Thesen nicht kaputtrecherchieren. Liest man die Fakten, dann bleibt die Raumvermietung in der Villa zwar, wie das Gericht festgestellt hat, fragwürdig. Aber diese Fragwürdigkeit hat angesichts des Verzichts, den Ulla Unseld-Berkéwicz aus freien Stücken leistete, rein gar nichts mit dem Willen zur Selbstbereicherung und Luxusleben zu tun. Falsch ist auch die Behauptung, Suhrkamp sei in den neunziger Jahren nicht in der Krise gewesen. Die ganze Operation des Ehepaars hatte auch mit der Erkenntnis zu tun, dass der Suhrkamp-Verlag nur leben kann, wenn man bereit ist (wie Unseld es war), ständig fast alles wieder in den Verlag zu investieren - daher die Empfindlichkeit gegenüber den Renditeerwartungen von Hans Barlach.

Die wirtschaftliche Situation zu dramatisch gezeichnet

Man muss sich bei alldem fragen, wieso diese Taktik der Delegitimierung trotz gegenteiliger Fakten seit dem Gerichtsurteil zur Abberufung der Geschäftsführung eingeschlagen wird? Wieso jetzt wieder die Hexenjagd, wo man doch gerade den juristischen Erfolg so sicher in der Tasche hat?

Die Antwort ist einfach: Die Geschäftsführung der Verlagsleitung GmbH wird durch die Mehrheitseigentümerin, die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, bestimmt. Selbst wenn, wie nun geschehen, nach Meinung eines Gerichts ein sogenannter „wichtiger Grund“ zur Abberufung der Geschäftsführung in der Holding vorliegt (und das Gericht hat in der Tat entschieden, dass sowohl in der Holding als auch in den Verlagen dieser Grund vorliegt), wird sie doch als Mehrheitseigentümerin mit ihrer Mehrheit (55 Prozent zu 45 Prozent) wiederum die neue Geschäftsführung berufen. Das kann niemand verhindern.

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