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Suhrkamp : Die weißen Ritter aus Darmstadt

Lange war ungewiss und unübersichtlich, was mit dem Traditionsverlag Suhrkamp passieren wird. Bild: dpa

Der Suhrkamp Verlag häutet sich endgültig und ist jetzt eine AG. Aber er will ohne eine klassische Verlegerpersönlichkeit weitermachen. An der Spitze steht künftig ein Wirtschaftswissenschaftler. Neue Aktionäre gibt es auch.

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          Bei dieser Nachricht hört man die Sektkorken in der Berliner Pappelallee bis nach Frankfurt knallen. Der lange Zeit in heftige Kämpfe verstrickte Suhrkamp Verlag hat am Ende eines mühsamen Weges tatsächlich erreicht, wofür er die letzten Jahre vergeblich gekämpft hat: die Umwandlung des Verlags von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft. Von der Geschäftsführung immer wieder angesetzt, wurde der Plan vom Minderheitsgesellschafter Hans Barlach, der sich in seinen Rechten beschnitten sah, immer wieder ausgehebelt, wofür der Hamburger Medienunternehmer vor die höchsten Gerichte der Republik zog. Nun ist die neue Rechtsform da - und es ist nicht ohne Ironie, dass, obwohl das Verfahren von der Gegenseite angestrengt wurde, der Verlag nun für sich verbuchen kann, sogar den Segen aus Karlsruhe dafür erhalten zu haben.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Dabei erzählt die knappe Verlagsmitteilung, die Suhrkamp am Mittwoch in der Sache verschickte, von weit mehr als bloß einem Wechsel der Rechtsform. Dahinter verbirgt sich eher ein Balzac-Roman; jedenfalls ist es eine Zäsur in der an überraschenden Volten nicht armen Verlagsgeschichte. Denn Suhrkamp, das lassen die vielen Personalentscheidungen klar erkennen, ist dabei, sich ganz neu zu definieren. Dass sich das mittelständische Haus, das Siegfried Unseld in den siebziger Jahren zur geistigen Zentrale der deutschen Avantgarde ausbaute und das zuletzt vor allem mit Nachrichten wie Insolvenz und der Feindschaft zweier Gesellschafter von sich reden machte, so grundlegend neu orientiert, ist eine gute Nachricht. Damit kehrt Suhrkamp aus dem Reich der Legenden wieder in die wirkliche Welt zurück. In den letzten Jahren drohten die juristischen Querelen immer wieder dem Unternehmen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Dass Suhrkamp immer weiter publizierte und auch fast alle Autoren binden konnte, obwohl der Verlag im Grunde genommen in der Luft hing, grenzt an ein Wunder.

          An die großen Suhrkamp-Traditionen anknüpfend

          Weil die bisherige Verlegerin und amtierende Vorstandsvorsitzende Ulla-Unseld-Berkéwicz, die nach dem Tod ihres Mannes die Geschäftsführung im Jahr 2003 übernahm, sich bald aus dem operativen Geschäft zurückziehen und in den Aufsichtsrat wechseln wird, wie der Verlag mitteilt, wird es mit Jonathan Landgrebe einen neuen Mann an der Spitze geben - allerdings keine neue Verlegerpersönlichkeit. Sehr viel weiß man nicht über den 1977 in Hamburg geborenen neuen Vorstandsvorsitzenden, der seit 2007 für den Verlag tätig ist und seit 2008 zur Verlagsleitung gehört. Er hat neue Essay-Reihen für die Edition Suhrkamp entwickelt und die Edition Suhrkamp Buchladen in Berlin. Dass der Vater einer Tochter bislang eher im Verborgenen gewirkt hat, muss kein Nachteil sein. Denn als promovierter Wirtschaftswissenschaftler knüpft er immerhin an eine der großen Suhrkamp-Traditionen an. Auch Siegfried Unseld war ein genialer Kaufmann und hat das nie verheimlicht.

          Der neue Vorstandsvorsitzende der Suhrkamp AG war bislang Geschäftsführer und heißt Jonathan Landgrebe. Bilderstrecke

          Wer dachte, dass Suhrkamp für Geist und die Welt für Kapital steht, irrte schon immer. Man wird sehen, wie Landgrebe die Herausforderungen angehen wird, geschäftlich, literarisch und also verlegerisch. Mit dem Cheflektor Raimund Fellinger, der seit 1979 zu Suhrkamp gehört und nicht nur als Herausgeber der Unseld-Chronik alles weiß, was es mit diesem Haus auf sich hat, rückt ein Suhrkamp-Urgestein in die neue Geschäftsleitung - zusammen mit Tanja Postpischil, bislang Verlagssprecherin, sowie Gerhard Schneider, Kaufmännischer Leiter des Verlags. Thomas Sparr, der bislang zur Geschäftsführung gehörte, wird künftig als Editor at large tätig sein.

          Die finanzielle Schieflage

          Zur Ironie der Geschichte gehört auch, dass der Verlag, der vor einigen Jahren auf Drängen der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz von Frankfurt nach Berlin zog, nun ausgerechnet in der Familie Ströher einen neuen Aktionär gefunden hat. Denn das weiße Ritterpaar, das dem in finanzielle Schieflage geratenen Verlag zur Seite springt, stammt aus Darmstadt. Dass sich Sylvia und Ulrich Ströher für Suhrkamp interessieren, war spätestens klar, als sich das Paar bereit erklärte, während der Zeit der Insolvenz die Zahlung der Autorenhonorare zu übernehmen. Da der Verlag gut zweieinhalbtausend Autoren im Programm hat, mussten die Ströhers wissen, worauf sie sich einließen. So öffentlichkeitsscheu die Wella-Erben auch sind, im Internet etwa gibt es von ihnen keine Bilder zu finden, so interessiert an Büchern und Kunst zeigt sich Ulrich Ströher im Gespräch, ob bei der Büchner-Preisverleihung in Darmstadt oder beim Suhrkamp-Empfang während der Buchmesse.

          Das Interesse kommt nicht von ungefähr: Seit Karl Ströher die „Haarfüllfabrikation“ des Vaters Franz übernommen und 1950 die Wella AG gegründet hatte, spielten Kunst und Kultur in der weitverzweigten Familie eine wichtige Rolle. Sylvia Ströher, die Enkelin des Firmengründers, besitzt mit ihrem Ehemann Ulrich nicht nur eine Sammlung mit Werken von Baselitz, Kiefer und Immendorf. Die Erben des Konzerns, der 2003 für mehrere Milliarden Euro verkauft wurde, treten seit Jahren als Mäzene auf und haben unter anderem das Museum Küppersmühle in Duisburg mit Werken von Beuys, Lüpertz und anderen bestückt. Dass sie in den achtziger Jahren ihre Kunstsammlung fast vollständig aus dem Landesmuseum in Darmstadt wieder abzogen, verzeiht man ihnen dort bis heute nicht.

          Den Verlag als Instanz erhalten

          „Die Beteiligung an der Suhrkamp AG liegt außerhalb unserer sonstigen Anlagestrategie und ist somit auch mit keiner Dividendenerwartung verbunden“, teilte Sylvia Ströher jetzt über ihre Beteiligung an Suhrkamp mit. Sie will dazu beizutragen, „diesen bedeutenden Verlag als unabhängige Instanz der Literatur und der Geisteswissenschaften zu erhalten“. Ihr Engagement für Suhrkamp sei unbefristet, so Sylvia Ströher weiter, und diene der weiteren Zukunftsfähigkeit des Verlags. Einfluss auf die Verlagspolitik wolle man nicht nehmen.

          Auch wenn sich Ulla Unseld-Berkéwicz zurückziehen wird, verzichtet sie gleichwohl nicht darauf, die Geschicke des Hauses aus dem Hintergrund weiter zu lenken. Dafür geht sie zusammen mit Sylvia Ströher in den neu zu besetzenden Aufsichtsrat. Die Mehrheit der Aktien der Suhrkamp AG, nämlich 61 Prozent, besitzen demnach künftig die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, der Ulla Unseld-Berkéwicz vorsteht, und die Familie Ströher gemeinsam. Die Stimmrechte der Aktien sind dabei vertraglich so gebündelt, dass die Familienstiftung über die Stimmrechtsmehrheit verfügt. Der Gründungsaufsichtsrat, bestehend aus Gerhart Baum, Hans Magnus Enzensberger und Marie Warburg, tritt zurück.

          Mit Andreas Reinhart hatte Suhrkamp unter Siegfried Unseld einst einen stillen Teilhaber, dessen Familie ihr Vermögen vor allem mit Kaffee gemacht hat. Nun käme das Geld, das dem Verlag aus der Klemme helfen wird, aus dem Shampoo-Geschäft. Das ist, ganz ohne Schaumschlägerei, eine saubere Sache. Von Hans Barlach, der so heftig wie vergeblich gegen die Umwandlung des Verlags in eine Aktiengesellschaft gekämpft hat, ist einstweilen nichts zu hören. Jonathan Landgrebe sollte sich die Unseld-Chronik verinnerlichen, deren zweiter Teil soeben erschienen ist. Da kann er nachlesen, was Unseld alles war und sein musste, um seinen Verlag nach vorn zubringen, nämlich Netzwerker, Handlungsreisender und Investor in einer Person. Vor allem aber glaubte er an Autoren und Bücher, und er investierte in sie wie andere in vielversprechende Geschäftsideen.

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