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Suhrkamp 1968 : Nacht der langen Messer

Siegfried Unseld auf der Buchmesse 1968 Bild: Suhrkamp Verlag

Wie der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld während der Unruhen von 1968 eine Lektoren-Revolte im eigenen Haus überstand. Und wie seine Gegner heute noch um Deutungshoheit ringen. Die Chronik eines wegweisenden internen Konflikts im Hause Suhrkamp.

          10 Min.

          Das Haus in der Schloßstraße mag in den siebziger Jahren modern gewesen sein. Heute ist der weiße Kasten nur einer von vielen hässlichen Plattenbauten im Frankfurter Univiertel Bockenheim. In der obersten Wohnung im fünften Stock sitzen vier ältere Herren bei Tee und Plätzchen: der Schriftsteller Urs Widmer, der Gründer des Verlags der Autoren, Karlheinz Braun, der Akademiepräsident Klaus Reichert und der Übersetzer Peter Urban.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Die vier, alle um die siebzig, rühren angestrengt in ihren Tassen, sie fühlen sich diffamiert. Denn trotz aller Ehrungen und Preise, mit denen sie in ihrem beruflichen Leben bedacht wurden, nagt vor allem ein Ereignis an ihrem Selbstverständnis: als sie im Herbst 1968 als Lektoren des Suhrkamp Verlags den Aufstand gegen ihren Verleger probten. Einen letzten Moment lang blinzelt die untergehende Sonne durchs Fenster und rückt die vier Herren in ein gleißendes Licht. Dann geht sie hinter den Bergen des Taunus unter. Es wird düster im Raum. Keiner steht auf, um das Licht anzuschalten.

          Schon damals, vor mehr als vierzig Jahren, kamen sie zu konspirativen Treffen in genau der Dachwohnung zusammen, in der sie auch an diesem Abend sitzen und sich beraten. Damals unterlagen sie ihrem Kontrahenten Siegfried Unseld. Heute wollen sie die ideologische Fehde, eine Legende in der Verlagsgeschichte von Suhrkamp, noch einmal aufleben lassen, denn es geht um nichts weniger als die Deutungshoheit von Geschichte. Mit der Verlags-„Chronik“ des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld, deren erster Teil über den Zeitraum 1967 bis 1970 jetzt veröffentlicht wurde, liegt zum ersten Mal die Sicht des Verlegers auf jene unruhigen Herbsttage vor.

          Proteste auf der Buchmesse 1968

          Die Putschisten haben das Nachsehen

          „So soll es gewesen sein?“, fragen seine Gegenspieler rhetorisch. Es muss sich niemand wundern, dass die Putschisten von einst nicht einverstanden sind. Umso mehr wundern sie sich, dass Unseld in jenen Wochen harter Auseinandersetzungen derart detailliert Protokoll geführt hat. „Wir haben nichts aufgeschrieben, wir haben gekämpft“, erklären sie. Und schon wieder haben sie das Nachsehen.

          In Unselds früheren Publikationen, etwa der „Suhrkamp Verlagsgeschichte 1950-1990“, wurde die Palastrevolution in seinem Reich gar nicht erst erwähnt, obwohl oder gerade weil die Ereignisse den energischen Verleger in seinen Grundfesten erschüttert hatten. Zornige Studenten hatten im Herbst 1968 schon manch anderen Souverän entmachtet, als der seinerzeit vierundvierzigjährige Unseld begreift, dass auch er im revolutionären Strudel Gefahr läuft, vom Thron gestürzt zu werden. Denn was in den Büchern seines Verlags zu lesen steht, vornehmlich bei Autoren der progressiven Linken, fordern die Mitarbeiter jetzt für den Verlag selbst: „Mitbestimmung“ und „Umverteilung der Produktionsmittel“ sind die Worte der Stunde.

          Für Unseld ist klar: Die Proteste im Verlag laufen auf seine Abschaffung als Verleger hinaus. Er handelt sofort. Einem Feldwebel gleich, sammelt er seine Truppen, bei ihm sind das naturgemäß die Schriftsteller. Als Erstes fährt er an den Bodensee zu Martin Walser. „Nach einer sehr kurzen Besichtigung seines neuen Hauses übergab ich ihm die Dokumente. Wir berieten hin und her, wie sie zu behandeln seien“, heißt es über den Besuch. Walser spottet im Gespräch mit Unseld über die „Feuilleton-Revolution“. Er ist überzeugt, dass die Lektoren „sich selbst als Sonderklasse“ etablieren wollen.

          Sie waren jung und brauchten die Inhalte

          Seit neun Jahren lenkt Siegfried Unseld zu diesem Zeitpunkt das Suhrkamp-Schiff und hat es vom mittelständischen Verlag zur geistigen Zentrale der deutschen Avantgarde ausgebaut. Erschienen 1950 fünfunddreißig Bücher, waren es Ende der Sechziger jährlich fünf Mal so viele. Am 4. Oktober 1968, Unseld ist gerade von einem Treffen mit Ingeborg Bachmann in Rom zurückgekehrt, findet er in seiner Post einen zweiseitigen Brief, unterschrieben von neun seiner Lektoren. Sie werfen ihm vor, sein „öffentliches Auftreten' und Äußerungen“ während der Buchmesse hätten „die Tendenz der Verlagsprogramme desavouiert“.

          Dem Brief liegt eine „Lektoratsverfassung“ bei, die Unseld faktisch entmachten sollte. Widmer, Urban, Braun, Reichert sowie der damalige Cheflektor Walter Boehlich zählen zu den Unterzeichnern. „Wir waren jung, wir waren idealistisch, uns ging es um die Inhalte“, erklärt heute in der Schloßstraße Karlheinz Braun die Aktion, und fast klingt es, als säße man plötzlich wieder 1968 im Hörsaal sechs. Derweil steht Peter Urban auf und geht auf den Balkon, um sich eine Zigarette anzuzünden.

          Für Unseld war der Schock enorm. Obwohl er sich sicher wähnte und die Vorstellungen der Lektoren als unrealistisch abtat, ließ er sie juristisch prüfen. Vor allem persönlich war er verletzt durch die von seinen Angestellten ausgesprochene Quasikündigung, dass „man in Zukunft ohne mich als Verlagsleiter auskommen will“. Die Situation für den ins Gelingen so verliebten Verleger ist dabei keineswegs ungefährlich. Denn die jungen Revoluzzer pochen auf Kompetenz in sämtlichen für den Verlag wesentlichen Entscheidungen: Programmgestaltung, Herstellung, Vertrieb, Honorare, Vorschüsse und Personalfragen - all das soll künftig nicht von Unseld, sondern von einer „Lektoratsversammlung“ beschlossen werden. In diesem Gremium hätte Unseld neben den Lektoren eine Stimme gehabt. Beschlüsse sollten mit einfacher Mehrheit gefasst werden, auch „bei Neueinstellung und Entlassung von Lektoren“. Zwei von den Lektoren gewählte Delegierte sollten „bei Abwesenheit des Verlagsinhabers oder in dringenden Fällen selbständig die Verlage vertreten“.

          Packend wie ein Krimi

          Auch wenn das Modell von der Sozialisierung marktwirtschaftlicher Unternehmen und deren kollektiver Führung damals in aller Munde war - aus heutiger Perspektive staunt man doch über die Unverfrorenheit und die Naivität, mit der da ein Verlagsleiter entmachtet werden sollte. Dass der Suhrkamp Verlag 1959 von Peter Suhrkamp persönlich in Unselds Hände gelegt worden war, schien nunmehr ebenso wenig ins Gewicht zu fallen wie die Tatsache, dass Unseld als Gesellschafter persönlich haftete.

          Das alles ist in der „Chronik“ nachzulesen, es ist packend wie ein Krimi. Gerade angesichts der jüngsten Frankfurter Buchmesse, der es spürbar an Brisanz gefehlt hat, wirkt dieser Band wie ein Weckruf aus vergangenen Zeiten: Um was damals im Großen wie im Kleinen gerungen wurde, mit wie viel Energie, Ernsthaftigkeit und Verbohrtheit in den späten sechziger Jahren um den sozialen und kulturellen Wandel gestritten wurde, welche Kräfte auf das Land wirkten und wie theoriegläubig gerade die Linke war, das ist hier fesselnd dokumentiert. Insbesondere die knapp hundert Seiten umfassende „Chronik eines Konflikts“, die Unseld dem Jahresbericht des Verlags für 1970 voranstellt, macht die Sammlung aus Briefen, Protokollen, Notizen und Zeitungsartikeln zur spannenden Lektüre.

          Bis zu seinem Tod im Jahr 2002 hat Unseld nach Reisen, Gesprächen und Verhandlungen seine Eindrücke diktiert. Trotz aller Skizzenhaftigkeit sind es Momentaufnahmen, die gewiss ganz bewusst gewählt wurden. Immer wieder schreibt er über seine Reisen: nach Stockholm zu Peter Weiss, nach Ost-Berlin zu Helene Weigel, nach New York, um die Hesse-Rezeption zu prüfen, oder nach München zu Wolfang Koeppen, der ihn von Woche zu Woche betreffs des neuen Romans vertröstet. „Suff oder Liebe, beides hält ihn ab“, seufzt Unseld und reist stattdessen nach Winterthur zu den Finanziers Reinhard, um sie bei Laune zu halten. Die Berichte des Verlegers gehen, teilweise mit direkter Anrede, an sämtliche Abteilungen im Haus, gern auch an „Frl. Ritzerfeld“ aus der Abteilung Honorare und Lizenzen. Auch „Steuerprobleme“ etwa bei Peter Handke gilt es zu lösen: „Er hat ein einziges Mal in seinem Leben Steuern bezahlt: DM 500,-. Und das bei seinem Einkommen!“

          Siegfried Unseld war eine Ausnahmeerscheinung

          Sämtliche Leitzordner aus drei Jahrzehnten verlegerischer Tätigkeit zu publizieren ist eine publizistische Großtat, die ihre Zeit benötigen wird und womöglich noch die eine oder andere Überraschung bereithält. Der Chronist in eigener Sache enthüllt die Idee seines Vorhabens gleich im ersten Satz, wenn er Wittgenstein umdeutend formuliert: „Worüber man sprechen kann, darüber soll man berichten.“ Im vorliegenden ersten Band, klug ediert vom heutigen Cheflektor Raimund Fellinger in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Universität Bielefeld, kommt Unseld auch auf die turbulenten Buchmessen 1967 und 1968 zu sprechen, die der Suhrkamp-Revolte vorausgingen.

          Eine richtige Entscheidung der Herausgeber war es, die Dokumente und Briefe, die Unseld nicht immer als strahlenden Helden zeigen, sofern sie vorlagen, ohne Kürzungen abzudrucken. Gerade in der Auseinandersetzung zeigt sich, welche Ausnahmeerscheinung Siegfried Unseld gewesen ist. Dass seine ihn intellektuell zum Teil überragenden Lektoren den Verleger nicht immer ernst nahmen, worauf Fellinger im Nachwort hinweist, war vielleicht ihr größter strategischer Fehler.

          Wie auf einer Zeitreise führt Unseld uns in eine Gegenwart, in der der Suhrkamp Verlag gerade einmal seit zwanzig Jahren existiert: Büchner-Preisträger ist Thomas Bernhard, von dem vier Wochen zuvor der Roman „Das Kalkwerk“ erscheint. Neue Werke gibt es auch von Handke (“Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“) und von Walser (“fiction“). 1970 ist aber auch das Jahr, in dem Unseld sich vom „Kursbuch“ trennt, da in seinen Augen die Zeitschrift nicht zuletzt durch Walter Boehlichs „Autodafé“ - „Die Kritik ist tot“ - zur Gefahr für die eigene Autorengemeinschaft geworden war.

          Ein Verleger zwischen den Stühlen

          Dass Siegfried Unseld ausgerechnet 1970 seine Beobachtungen aufzuschreiben beginnt, ist kein Zufall. Er selbst erklärt es mit den Ereignissen der Jahre davor: 1967 und 1968 hatte er zwischen der Studentenbewegung auf der einen und dem konservativen Börsenverein des Deutschen Buchhandels, in dessen Aufsichtsrat er seit 1963 saß, auf der anderen Seite zu vermitteln versucht. Von den einen als „Kabinettspolitiker“ beschimpft, der linke Bücher verlege, aber mit dem rechten Establishment kuschele, von den anderen seit langem als der wilde Mann der Linken verschrien, der die standesgemäße Eintracht und würdevolle Ruhe störe - so beschreibt ein zeitgenössischer Bericht Unselds damalige Position.

          Seinen Aufzeichnungen stellt er einen Satz Goethes voran: „Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.“ Dieser Verleger zwischen allen Stühlen ist sich im Klaren, dass er mit diesen Beobachtungen seine Person wie auch seine Handlungen für die Nachwelt einordnen und bestimmen kann.

          Unseld musste daran gelegen sein, denn als Hausverleger der protestierenden Studenten war er zu dieser Zeit selbst zum Problem geworden. Kaum ein Verlag hatte ein Ideenkonglomerat geliefert, das die Linke geistig und politisch ähnlich prägte - diese spezifische Mischung aus Kritischer Theorie, Psychoanalyse und Literatur, forciert in der 1963 begründeten „edition suhrkamp“. Nun aber spielten die Lektoren die linken Theorien der Bücher des Verlags, von Marcuse über Adorno, Bloch bis zu Habermas, gegen den Verlag aus, den Unseld als kapitalistisches Unternehmen führte.

          Rudolf Augstein, Gründer und Eigner des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, trug dem damaligen Zeitgeist auch tatsächlich Rechnung, indem er seinen Mitarbeitern die Hälfte des Blattes überschrieb. Ähnlich wie Augstein stand auch Unseld vor dem Dilemma, als linker Verleger eine Literatur zu drucken, die in letzter Konsequenz seine Abschaffung forderte: „Merde allen Zulieferanten der bürgerlichen Produktions- und Publikationsapparate“, proklamierte ein auf der Buchmesse 1968 verteiltes Flugblatt.

          Aufruf zum Boykott von Axel-Springer-Publikationen

          Schon 1967 waren die Studentenproteste auf die Verlagsbranche übergesprungen, als auf einem Treffen der Gruppe 47 einundsiebzig Schriftsteller eine Resolution unterschrieben, worin sie sich verpflichteten, künftig nicht mehr in Blättern des Springer-Konzerns zu publizieren. Sie forderten sogar, dass ihre Bücher nicht länger bei Springer beworben werden sollten. Die Verlagsleiter von Hanser, Luchterhand, Piper, Rowohlt und Suhrkamp stimmten diesem Boykott zu. Als während der Messe schließlich Studenten den Springer-Stand „Welt der Literatur“, das Literaturblatt der Zeitung „Die Welt“ sowie den Ullstein Verlag in Halle 6 stürmten, reagierte die Polizei energisch, es kam zu Verhaftungen. Unseld gelang es, die Konfrontation zu entschärfen. Im folgenden Messejahr brechen die Tumulte abermals aus, und wieder gerät Unseld zwischen alle Fronten. Doch anders als 1967 findet die Revolution diesmal nicht mehr nur vor seiner Tür statt, sondern auch in Unselds eigenem Haus, eine Zäsur in der Geschichte des Verlags.

          Die neun aufständischen Lektoren aber haben die Rechnung ohne die Autoren gemacht. Denn die, das hat Unseld sofort entdeckt, kommen in der neuen Verfassung überhaupt nicht vor, ebenso wenig wie die Mitarbeiter aus den anderen Bereichen des Verlags. Rasch fährt Unseld deshalb von Walser weiter zu Max Frisch nach Berzona im Tessin. Auch der Schweizer hält die verlangte „Lektoratsverfassung“ für „nicht möglich“. Zurück in Frankfurt, bittet der Verleger sechs Tage später Lektoren und Autoren zum Gespräch in die Verlagszentrale: Günter Eich, Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Peter Handke, Uwe Johnson und viele andere tagen mit Unseld und den Lektoren bis in die Morgenstunden.

          Habermas gegen den Lektorenprotest

          Genüsslich zitiert Unseld die Reaktionen seiner Großen im Portfolio. Da kann es Adorno kaum glauben, dass „die Kinder“, wie er die um die dreißig Jahre alten Lektoren nennt, jegliches Maß verloren hätten. Die Lektoratsversammlung hält der Philosoph für einen „Rückfall in den primitivsten Sozialismus“. Anders als Autoren und Verleger seien nämlich Lektoren im Marxschen Sinne „dritte Personen“. Unseld versteht nicht, und Adorno erklärt noch einmal: Sie sind Parasiten „wie Zuhälter und Dirnen“. Auch Habermas hält die Forderungen der Lektoren für unzumutbar, weil eine Beschränkung der Entscheidungskompetenz den Verlag existentiell bedrohe. Einzig Peter Handke zeigt „kein großes Interesse am Gespräch“.

          Nun, da Unseld die Autoren auf seiner Seite weiß, kontert er mit einem zweiten Schritt, von dem bis heute nicht klar ist, ob es ihm damit tatsächlich Ernst war. Der Verleger bietet drei Lektoren - Boehlich, Günther Busch und Karl Markus Michel - je zweihunderttausend Mark aus seinem Privatvermögen zur „Neugründung eines sozialistischen Verlags“ an. Das „Mauler-Prinzip“ nennt der einstige Theaterdramaturg Braun diese Taktik heute in Anspielung auf Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“: Die Lektoren wurden überrumpelt, sind überfordert, fürchten das Risiko. „Wie kann ich, der ich nichts habe, für einen so hohen Betrag haften?“, fragt etwa Karl Markus Michel. Unseld trumpft auf, dass genau das ja stets sein Problem sei: „dass ich für ein Gesamtvolumen von zwanzig Millionen hafte und auch nichts hätte außer achttausend DM auf meinem Privatkonto“.

          Die Passagen über den neuen Verlag, zu dem es freilich nie kommen wird, gehören zum Skurrilsten in der Chronik. Den Möchtegernrebellen gibt Unseld nicht nur eine Einführung in die Grundlagen der Betriebswirtschaft, vielmehr entwirft er zugleich die Organisationsstruktur: „Enzensberger in der Leitung, Boehlich in der Public Relations-Arbeit, Michel im reinen Lektorat, Busch im Managen.“ Die Frage, was er täte, falls sich beide Verlage um denselben Autor stritten, pariert Unseld, ohne zu zögern: Er werde immer das doppelte Honorar anbieten.

          „Danach wollte uns keiner mehr“

          Die Rebellion im Hause Suhrkamp endet mit einem klaren Sieg für den Verleger. Unseld lässt sich nicht entmachten, sein Unternehmen wird nicht kollektiviert. Aus dem gescheiterten „Vatermord“ geht er gestärkt hervor und unterschreibt einen Brief triumphierend mit „Dein Sieger“. Was folgt, ist der Auszug der Aufständischen aus dem Verlagsgebäude im Grüneburgweg. „Wir standen auf der Straße, uns wollte ja jetzt keiner mehr“, erinnert sich Klaus Reichert. Der Stachel der Niederlage schmerzt noch immer. „Wir waren das beste Lektorat Deutschlands“, sagt Peter Urban im Rückblick.

          Deshalb wollen sie sich jetzt zusammentun, um eine Gegen-Chronik zu verfassen. Dass sie anders als Unselds Nachlassverwalter keine Mitschriften aus jenen Tagen haben, auf die sie zurückgreifen könnten, macht die Sache nicht eben einfach. Immerhin haben sie einen unveröffentlichten Brief von Walter Boehlich an Ingeborg Bachmann gefunden. Darin will der ehemalige Lektor, nachdem die Schlacht geschlagen ist, der Schriftstellerin seine Sicht der Dinge darlegen: „Es ging nicht mehr mit Unseld und mir. Er wollte einfach nicht mehr und hatte sich eingeredet, dass ich ihm seinen perfekt funktionierenden Verlag durcheinanderbrächte und sonst nichts mehr täte. Da hat er sich mit Walser einen schönen Plan ausgedacht, der mir zwar einen ruhigen Lebensabend gesichert, mir aber jeden Einfluss in den Verlag genommen hätte. Eigensinnig wie ich bin, hielt ich diesen Einfluss aber für notwendig. Ich habe mich auch nicht damit abfinden können, dass Unseld zwar mein Wissen und notfalls meine Arbeitskraft sich oder dem Verlag erhalten, meine Kritik aber nicht länger akzeptieren wollte.“

          Es wird schwer werden für die früheren Lektoren des Suhrkamp Verlags, ihre philosophisch-politisch-wirtschaftlich begründete Version von der Revolte zu erzählen. Zumal schon damals Zbigniew Herbert, der polnische Lyriker, für den Aufruhr seine ganz eigene, einfache Erklärung hatte. „Dein Problem mit den Lektoren ist freilich unlösbar“, schrieb er seinem Verleger Unseld. „Deine Lektoren sind Frustratoren, sie haben Schwierigkeiten. Mit ihren Ehefrauen, mit ihrer Arbeit, mit ihrer Umgebung, sie haben keinen Erfolg.“ Und Unseld selbst beschied er: „Du bist das Gegenteil von einem Frustrator. Du bist vital und dynamisch. Du hast keine Schwierigkeiten mit Deiner Ehefrau und hast dann auch noch eine Freundin und fährst mit ihr im Hubschrauber. Du hast Deine Arbeit und hast Erfolg. Du hast Deine Umgebung. Dein Auto mit den Buchstaben SU darauf. Unter diesem allem leiden Deine Lektoren.“

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