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Stuttgart 21 : Sieg der Lethargie

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Freie Fahrt für freie Schwaben: Die Volksabstimmung gab grünes Licht für S21. Bild: dpa

Milliarden für Minuten: Auch nach der Volksabstimmung für Stuttgart 21 bleibt das Projekt absurd. Er ist vor allem eine Niederlage für allen Denkmalschutz.

          Ist das Glas halb voll oder halb leer? Die Befürworter von „Stuttgart 21“ jubeln, es sei etwas mehr halb voll. Denn 58,8 Prozent Zustimmung zum Weiterbau bei 41,2 Prozent Ablehnung sind eindeutig. Dass sogar in Stuttgart, wo man mit Teilabrissen des historischen Bahnhofs und dem voreiligen Fällen uralter Bäume die Vorbeben des Großprojekts buchstäblich am eigenen Leibe spürte, 52,9 Prozent für den unterirdischen Bahnhof stimmten, macht den Sieg perfekt.

          „Das Volk hat gesprochen“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann ergeben. Das sei ein guter Tag für die Demokratie, fügte der sichtlich enttäuschte Gegner von „S21“ hinzu. Nicht nur er samt den Mitgliedern des Aktionsbündnisses und den zahllosen „Wutbürgern“ sehen ein halb leeres Glas. Denn es gibt vieles, was die Freude am basisdemokratischen Vorgang trübt: Da ist beispielsweise die Kapitulation des Denkmalschutzes. Seit Monaten spielte der Denkmalwert des von 1914 bis 1927 erbauten Bahnhofs in den Debatten keine Rolle mehr. Die Tatsache, dass eines der bedeutendsten Bauwerke der frühen Moderne in Deutschland und Europa und eines der zentralen Monumente Stuttgarts zu einem riesigen Fragment werden wird, ging unter im Lärm der Wortgefechte um Zeitersparnis, Standortvorteile, Streckenoptimierung und Effizienzsteigerung.

          Baden-Württemberg und Stuttgart sollen die Nase vorn haben, wenn es um wirtschaftlichen Wettbewerb im Höchstgeschwindigkeitstakt geht. Das Land hat schon die Nase vorn bei der Entmündigung des Denkmalschutzes: Seit der Verwaltungsreform durch Ministerpräsident Teufel ist – inzwischen kopiert von allen Bundesländern außer dem Saarland – der Denkmalschutz Regierungspräsidien und Baubehörden unterstellt. Der nun per Volksabstimmung für gut befundene Teilabriss des Bahnhofs besiegelt unter dem Motto „Freie Fahrt für jedes Gewinnversprechen“ die Degradierung der Institution.

          Wie vielen Stimmberechtigten war klar, dass sie mit ihrer Zustimmung zum Weiterbau Stuttgarts Bürgern eine Riesenbaustelle von zehnjähriger Dauer bescheren? Von einer neuen City, die auf dem frei werdenden Gleisareal entstehen wird, schwärmen Politiker, Investoren und Städtebauer, die S21 bejahen. Doch was bisher an Plänen und Animationen vorliegt, ist von ebenso bemerkenswerter Vagheit wie aufschlussreicher Monumentalität. Hotel-, Büro-, Gewerbe- und Wohnblöcke – was auf dem Weg vom Computer in die Realität aus solchen Projekten wird, die Leerflächen von zuvor ungekannten Ausmaßen füllen, bezeugt Berlins Potsdamer Platz. Von seiner prognostizierten Urbanität blieb nichts außer hektischer Rotation von Angestellten, Hotelgästen und Touristen zwischen öden Zyklopen in Architekturmoden von gestern.

          Abstimmung mit Zustimmung: Anders als auf diesem Lampion gefordert, entschieden sich die Stuttgarter für den Bau - und nicht den Baustopp.

          Der Entwurf an sich ist hinreißend futuristisch

          Auch muss man kein in der Schafswolle gefärbter Naturschützer sein, um das Fällen Dutzender jahrhundertealter Bäume im angrenzenden Schlosspark zu bedauern, die entgegen allen Erklärungen des Bauherrn nicht verpflanzt werden können. Ebenso wenig braucht es Spezialkenntnisse in Sachen Computeranimation, um zu erkennen, dass trotz der schillernden Animationen der künftige Bahnhofsplatz mit den aufgewölbten Glaskuppeln der unterirdischen Halle kein zentraler Erlebnisraum werden wird, sondern ein Irrgarten mit Ufo-Reizen.

          Christoph Ingenhoven, der Architekt des künftigen Bahnhofs, hat nicht nur hinreißend futuristische Gleishallen entworfen, sondern auch geradezu poetische Architekturszenarien, die zeigen, wie er am alten Bahnhof die Bruchstellen der brachialen Abrisse mit einer Synthese aus geborgenen historischen und neuen Bauteilen glätten will. Doch man weiß von vergleichbaren Großprojekten wie der Teilrekonstruktion der Stadtschlösser in Braunschweig oder Potsdam, was mit dergleichen Vorhaben bei finanziellen Engpässen geschieht: Sie werden als entbehrliche Zusatzeffekte gestrichen.

          20 Minuten kosten 4,1 Milliarden

          Die Vernunft habe gesiegt, kommentieren S-21-Anhänger das Abstimmungsergebnis. Doch es siegte auch jene Lethargie, die nicht nur hier, sondern auch bei vergleichbaren Bauvorhaben wie der Dresdner Waldschlösschenbrücke und der Hamburger Elbphilharmonie in immer kürzeren Abständen auf allgemeine Entrüstung folgt. Auch dort standen sich (verspätet) alarmierte Bürger und privatwirtschaftlich agierende öffentliche Bauherren gegenüber, bis das Gefühl der Ohnmacht, das aus Unentschlossenen Wutbürger gemacht hatte, sie – Unentwegte ausgenommen – angesichts der Hartnäckigkeit ihrer Gegenüber erlahmen ließ.

          Nie hat die Deutsche Bahn einen Zweifel daran gelassen, dass sie bauen werde, immer hat sie mit den Unsummen gedroht, die bereits investiert worden seien. Doch statt zusätzlicher Empörung erntete sie dafür am Sonntag Zustimmung, unerachtet der Absurdität, dass für zwanzig Minuten Zeitgewinn 4,1 Milliarden Euro samt einer „Risikoreserve“ von 400 Millionen Euro verbaut werden sollen, derweil der Bahnverkehr zunehmend unter einem maroden Schienennetz und notorischer Unzuverlässigkeit leidet. „Der Zug war doch schon längst abgefahren“, kommentierte am Sonntagabend ein Bürger. Er hatte nicht gegen, sondern für den Weiterbau gestimmt. Das Glas ist nicht nur halb voll, so scheint es, sondern sein Inhalt geht zur Neige.

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