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Stuttgart 21 : Sieben Minuten

  • -Aktualisiert am

Kurz nach Mitternacht begann die Fällaktion in Stuttgart: Ein Countdown, der nicht folgenlos bleiben wird. Jeder stürzende Stein und jeder brechende Ast steht auch für die Enttäuschungen und Ängste der Allgemeinheit.

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          Knapp sieben Minuten dauerte es, bis die erste uralte Platane für „Stuttgart 21“ fiel. Ursache für das Tempo der Fällaktion ist ein Gesetz. Es schreibt vor, Bäume nur am Ende ihrer jährlichen Wachstumsphase zu fällen, Stichtag 1. Oktober – der war gerade dreißig Minuten alt, als die Platane stürzte. In sieben Minuten. Jedem fällt dabei das Mantra der Deutschen Bahn von sieben Minuten Zeitersparnis auf der künftigen neuen ICE-Strecke Stuttgart-Ulm ein. Beim notorischen Chaos der Bahn stünden uns also dreiundzwanzig statt dreißig Minuten Verspätung bevor.

          Doch beiläufige Sarkasmen verbieten sich: 115 verletzte Demonstranten, der seit Jahrzehnten erste massive Einsatz von Wasserwerfern in Stuttgart, entsetzte Schulkinder und um sich schlagende, oft ältere Bürger, die von Polizisten davongetragen werden, dazu der Ruf „Das ist Krieg“ und das beschwörende „Keine Gewalt!“ der Protestierenden. Dem längst nach Zehntausenden zählenden Bürgerprotest steht die Entschlossenheit der Politik gegenüber – Ministerpräsident Mappus und seine Partei, nun sogar die Bundeskanzlerin, die letztlich ihr politisches Schicksal mit der Durchsetzung von „Stuttgart 21“ verknüpft. Längst geht es nicht mehr um Verträge und (zum Teil zwanzig Jahre alte) demokratische Entscheidungen.

          Unbehagen über die rasanten Veränderungen unserer (Bau-)Welt

          Doch worum dann? Ist dieser symbolische Krieg zwischen Bürgern und Staat der Ausbruch dessen, wofür die massenhaften Proteste gegen die ebenfalls demokratisch beschlossene Waldschlösschenbrücke in Dresden das Vorbeben waren? Warum gerade jetzt? Das fragten sich in der Nacht zum 23. August 1973 Frankfurts Politiker, als der Rohbau des gleichfalls vertraglich legitimierten Selmi-Hochhauses brannte – und drunten Bürger Freudenlieder sangen. Was sich damals Bahn brach, treibt auch heute den sprichwörtlichen unbescholtenen Bürger auf die Straße: das Gefühl der Ohnmacht, das zu Wut sich steigernde Unbehagen über die rasanten Veränderungen unserer (Bau-)Welt und den Verlust an Kontinuität.

          Jeder stürzende Stein und jeder brechende Ast in Stuttgart steht auch für die Enttäuschungen und Ängste der Allgemeinheit. Sie ignoriert oder unterschätzt zu haben ist das Versagen der Politik. Rund fünfzehn Minuten dauert in „Avatar“, dem weltweit meistbesuchten Film des Jahres 2010, der gewaltsam herbeigeführte Sturz eines Mammutbaums, mit dessen Bewohnern sich, wie man hörte, Zehntausende chinesische Zuschauer identifizierten. Seit vorgestern Nacht hat die Wirklichkeit den Film eingeholt – die sieben Stuttgarter Minuten könnten sich im Nachhinein als Countdown erweisen.

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