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New York : Stummer Protest: Polizisten gegen den Bürgermeister

Hand in Hand im Gebet: Polizisten des ganzen Landes am 27. Dezember bei der Beerdigung ihres Kollegen Rafael Ramos Bild: Radhika Chalassani/Redux/laif

Am Sonntag wird der zweite New Yorker Polizist zu Grabe getragen, der kürzlich erschossen wurde. Der Bürgermeister der Stadt, Bill de Blasio, wird wieder sprechen. Wird er erneut auf Hunderte von Rücken in dunkelblauen Uniformen schauen - das Zeichen stummer Opposition?

          8 Min.

          Als der Bürgermeister ans Rednerpult trat, drehten sie sich um. Hunderte von Männern und Frauen in dunkelblauen Uniformen kehrten den Bildschirmen den Rücken zu, auf denen Bill de Blasio, der Bürgermeister der Stadt New York, sichtbar wurde. Die Polizeibeamten hatten sich an diesem ersten Samstag nach Weihnachten vor der evangelischen Christ Tabernacle Church in Queens versammelt, um ihrem Kollegen Rafael Ramos ihre Achtung zu bezeugen, der eine Woche zuvor gemeinsam mit seinem Partner Wenjian Liu in seinem Streifenwagen erschossen worden war. Sie glaubten ihrer Achtung nicht besser Ausdruck geben zu können als durch die Geste der Missachtung gegenüber dem Bürgermeister.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Seit Monaten kommt es überall im Land wegen ungesühnter Tötungen unbewaffneter Schwarzer durch Polizisten zu Demonstrationen gegen die Polizei. Dass sich die Botschaft der Demonstranten in den Nachrichten halten kann, hat mit den effektiven Chiffren zu tun, die sie gefunden haben: Sie reißen die Hände in die Höhe, wie es Augenzeugen zufolge Michael Brown getan hatte, bevor ihn in Ferguson die Polizeikugeln trafen, und sie lassen sich fallen und bleiben wie tot liegen, weil Michael Browns Leichnam viereinhalb Stunden lang in der Samstagnachmittagssonne gelegen hatte. Wenn Polizisten auf die Straße gehen, sind ihnen politische Bekundungen verwehrt. Sie müssen Ruhe bewahren, egal wie sie provoziert werden. Die Begräbnisse der beiden am 20. Dezember im Dienst erschossenen Polizisten sind so etwas wie eine legale Gegendemonstration.

          Wenjian Liu wird am Sonntag zu Grabe getragen, nachdem seine Angehörigen aus China nach New York gekommen sind. Bill de Blasio wird wieder teilnehmen und wieder sprechen. Wird er wieder die Verachtung erheblicher Teile der Polizeikräfte zu sehen bekommen? Die Wand der blauen Rücken ist die Antwort auf die erhobenen Hände, ein auf Anhieb verständliches Zeichen des kollektiven Trotzes.

          „Blutspur“ ins Rathaus

          Als der Bürgermeister am Abend des 20. Dezember in einem Krankenhaus vor die Presse trat, wandten sich zum ersten mal seine Polizisten scharenweise von ihm ab, angeleitet von zwei Funktionären der Polizeigewerkschaften. Patrick Lynch, der Chef der Gewerkschaft der Streifenpolizisten, sagte später, an diesem Tag hätten viele Leute Blut an den Händen und die Blutspur führe ins Rathaus. Eine ungeheuerliche Äußerung: Wörtlich genommen ist es die Aufforderung, gegen den Bürgermeister wegen Aufforderung zum Polizistenmord zu ermitteln. Der Mörder von Rafael Ramos und Wenjian Liu, der sich vor seiner Ergreifung selbst erschoss, hatte in sozialen Medien seine Absicht bekanntgemacht, die schwarzen Opfer tödlicher Polizeigewalt durch Selbstjustiz zu rächen. Die Demonstranten, von deren verzweifelter Entschlossenheit sich der mutmaßlich verwirrte Täter anscheinend hatte anstecken lassen, hatte der Bürgermeister verschiedentlich ermuntert.

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