https://www.faz.net/-gqz-7o13r

Studio-Nachspiel in Madrid : Kloppe für Klopp

Am Spielfeldrand mit Scheuklappen: Jürgen Klopp Bild: dpa

Das ZDF macht die Champions League zum Trainer-Tribunal. Moderator Jochen Breyer provoziert, Jürgen Klopp geht ihm auf den Leim. Es siegt der Opportunismus im Sportjournalismus.

          2 Min.

          Um kurz nach halb elf am Mittwochabend, haben Sie da auch dieses Geräusch gehört? Und die Vibration gespürt? Das müssen die Millionen von Zuschauern gewesen sein, die vor Wut und Frustration alle gleichzeitig aufgestöhnt und danach ihre Fernbedienung – oder was sonst gerade so herumlag, Gläser, Tüte mit Kartoffelchips, Packung Zigaretten – in den Bildschirm gefeuert haben. Wo in diesem Augenblick nämlich Jochen Breyer, der Sportmoderator vom ZDF, den Fußballtrainer Jürgen Klopp in einer der dunkelsten Minuten, die dessen Mannschaft Borussia Dortmund in dieser Saison erleben musste, noch einmal schön in die Wunde rieb, dass dieses 0:3 im Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid ja wohl die dunkelsten Minuten der Saison gewesen seien. Und die Borussia doch jetzt eigentlich besser gleich aufgeben sollte.

          Der Coup, der keiner war

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Sie haben gerade schon gesagt: Wir treten natürlich an – aber die Sache ist doch durch, oder?“, fragte Breyer also. Worauf Klopp, der ein empfindlicher Wüterich sein kann, erst sichtlich um Fassung rang. Und dann antwortete: „Wie könnte man mir Geld überweisen für meinen Job, wenn ich heute hier stehen würde und sagen würde: Das ist durch?“ Das war die klügste Frage, die während der gesamten Champions- League-Übertragung im Zweiten Deutschen Fernsehen gestellt wurde.

          Kurz danach warf der Trainer sein Mikrofon hin, gab dem ZDF-Experten Oliver Kahn (dem der ganze Abend rundherum gefallen haben dürfte) ironisch die Hand und verließ das Studio. Breyer dagegen lachte die ganze Zeit. Was für ein Coup: Klopp, schon wieder ausgerastet! So war das neulich nämlich schon geschehen, unter Beteiligung von Oliver Kahn und Oliver Welke.

          Unsere Triumphe, euer Versagen

          Dabei zeigte der Dortmunder Trainer diesmal, dass er ein klares Verständnis dafür besitzt, wie selbst in einem konfrontativen Interview die Rollen verteilt sein müssen: dass ein Journalist die Position, von der aus sein Gesprächspartner spricht, insofern respektieren sollte, dass er ihn nicht in die Bredouille bringt, live defätistisch über seinen Arbeitgeber zu sprechen. Auch dann nicht, wenn es – wie jetzt – noch so absehbar ist, dass die Champions League für Borussia Dortmund „durch“ ist. Niemals würde ja der ZDF-Moderator Breyer live im ZDF etwas ähnlich Offensichtliches zugestehen: dass Oliver Kahn keine glückliche Wahl eines Fußballexperten ist.

          Im Vollbesitz des Mikrofons aber weidete sich Jochen Breyer an der Wehrlosigkeit Klopps, der im Übrigen schon in den ersten Augenblicken dieses Interviews zugestanden hatte, dass es für seine Elf sehr, sehr schwer sein wird, im Rückspiel zu Hause doch noch eine Runde weiterzukommen.

          Die fünf Minuten vom Mittwochabend zeigten wieder einmal den kaum zu ertragenden Opportunismus im Fernsehsportjournalismus: Wenn es gut läuft, siegen die Moderatoren und Kommentatoren immer schön mit, wenn es schlecht ausgeht, wissen sie aber ganz genau, woran es gelegen hat. Das ist eine Machtfrage.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Das Geheimnis des Giftopfers

          Dokumentar-Oper in Stuttgart : Das Geheimnis des Giftopfers

          Sergej Newski hat eine Dokumentar-Oper über Selbstzeugnisse Homosexueller in der frühen Sowjetunion geschrieben, auf der Grundlage von sensationellen Briefen an den Psychiater Wladimir Bechterew. Jetzt wurde das Stück in Stuttgart uraufgeführt.

          Topmeldungen

          Schulklasse in Bayern

          „Für mich unbegreiflich“ : Krankenhausgesellschaft kritisiert RKI

          Im Streit um eine mögliche Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz als Hauptrichtwert in der Corona-Politik bemängelt die Deutsche Krankenhausgesellschaft das Verhalten des RKI. Es könne nicht sein, dass das Institut auf allen Daten sitze, aber keine neuen Vorschläge mache.
          Einsatz in Kirli: Feuerwehrleute versuchen ein Feuer in der türkischen Provinz Antalya unter Kontrolle zu bringen.

          Brände in Türkei und Italien : Heftige Feuer im Mittelmeerraum

          In der Türkei und in Italien brennen die Wälder. Schuld sind womöglich Brandstifter. Eine seit Anfang der Woche andauernde Hitzewelle in Griechenland geht indes auf ihren Höhepunkt zu – mit Temperaturen von bis zu 45 Grad.
          Markus Söder im Landtag, im Vordergrund Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Rednerpult

          Testpflicht und Impfregime : Söders Sorgen

          Die Testpflicht ist das Eingeständnis von Bund und Ländern, dass ihre Strategie nicht aufgegangen ist. Die Impfmüdigkeit ist zu groß. Der Grund: Eigensinn und Politiker wie Hubert Aiwanger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.