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Studio-Nachspiel in Madrid : Kloppe für Klopp

Am Spielfeldrand mit Scheuklappen: Jürgen Klopp Bild: dpa

Das ZDF macht die Champions League zum Trainer-Tribunal. Moderator Jochen Breyer provoziert, Jürgen Klopp geht ihm auf den Leim. Es siegt der Opportunismus im Sportjournalismus.

          Um kurz nach halb elf am Mittwochabend, haben Sie da auch dieses Geräusch gehört? Und die Vibration gespürt? Das müssen die Millionen von Zuschauern gewesen sein, die vor Wut und Frustration alle gleichzeitig aufgestöhnt und danach ihre Fernbedienung – oder was sonst gerade so herumlag, Gläser, Tüte mit Kartoffelchips, Packung Zigaretten – in den Bildschirm gefeuert haben. Wo in diesem Augenblick nämlich Jochen Breyer, der Sportmoderator vom ZDF, den Fußballtrainer Jürgen Klopp in einer der dunkelsten Minuten, die dessen Mannschaft Borussia Dortmund in dieser Saison erleben musste, noch einmal schön in die Wunde rieb, dass dieses 0:3 im Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid ja wohl die dunkelsten Minuten der Saison gewesen seien. Und die Borussia doch jetzt eigentlich besser gleich aufgeben sollte.

          Der Coup, der keiner war

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Sie haben gerade schon gesagt: Wir treten natürlich an – aber die Sache ist doch durch, oder?“, fragte Breyer also. Worauf Klopp, der ein empfindlicher Wüterich sein kann, erst sichtlich um Fassung rang. Und dann antwortete: „Wie könnte man mir Geld überweisen für meinen Job, wenn ich heute hier stehen würde und sagen würde: Das ist durch?“ Das war die klügste Frage, die während der gesamten Champions- League-Übertragung im Zweiten Deutschen Fernsehen gestellt wurde.

          Kurz danach warf der Trainer sein Mikrofon hin, gab dem ZDF-Experten Oliver Kahn (dem der ganze Abend rundherum gefallen haben dürfte) ironisch die Hand und verließ das Studio. Breyer dagegen lachte die ganze Zeit. Was für ein Coup: Klopp, schon wieder ausgerastet! So war das neulich nämlich schon geschehen, unter Beteiligung von Oliver Kahn und Oliver Welke.

          Unsere Triumphe, euer Versagen

          Dabei zeigte der Dortmunder Trainer diesmal, dass er ein klares Verständnis dafür besitzt, wie selbst in einem konfrontativen Interview die Rollen verteilt sein müssen: dass ein Journalist die Position, von der aus sein Gesprächspartner spricht, insofern respektieren sollte, dass er ihn nicht in die Bredouille bringt, live defätistisch über seinen Arbeitgeber zu sprechen. Auch dann nicht, wenn es – wie jetzt – noch so absehbar ist, dass die Champions League für Borussia Dortmund „durch“ ist. Niemals würde ja der ZDF-Moderator Breyer live im ZDF etwas ähnlich Offensichtliches zugestehen: dass Oliver Kahn keine glückliche Wahl eines Fußballexperten ist.

          Im Vollbesitz des Mikrofons aber weidete sich Jochen Breyer an der Wehrlosigkeit Klopps, der im Übrigen schon in den ersten Augenblicken dieses Interviews zugestanden hatte, dass es für seine Elf sehr, sehr schwer sein wird, im Rückspiel zu Hause doch noch eine Runde weiterzukommen.

          Die fünf Minuten vom Mittwochabend zeigten wieder einmal den kaum zu ertragenden Opportunismus im Fernsehsportjournalismus: Wenn es gut läuft, siegen die Moderatoren und Kommentatoren immer schön mit, wenn es schlecht ausgeht, wissen sie aber ganz genau, woran es gelegen hat. Das ist eine Machtfrage.

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