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Studie zur Fotografie : Intensivknipser

  • -Aktualisiert am

Museen sollten das mit dem Fotoverbot noch einmal überdenken. Denn fotografierende Besucher haben mehr Spaß und schauen sich die Exponate länger an. Bild: dapd

Vor dem Essen, im Urlaub und natürlich auch im Museum – ständiges Fotografieren nervt und zerstört das Erlebnis. Stimmt, zeigt eine Studie, aber nur, wenn man ohne Kamera danebensteht.

          Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Tourist, der dauernd fotografiert, nichts mehr von all dem Schönen mitbekommt, das sich da vor seiner Linse abspielt. Aber wie das mit diesen Wahrheiten so ist: Irgendwann kommen amerikanische Wissenschaftler und beweisen das Gegenteil. Im „Journal of Personality and Social Psychology“ haben Forscher nämlich einen Aufsatz veröffentlicht, in dem steht, dass ein Tourist, der fotografiert, das Schöne vor seiner Linse viel positiver und intensiver wahrnimmt, als wenn er einfach nur ziellos vor sich hin erlebt. Dieses Ergebnis wirft natürlich eine Menge Fragen auf. Wie haben die das herausgefunden? Ist Fotografieren die neue Entschleunigung? Und wie ist das mit dem Essen? Schmeckt das nach einer Instagram-Gedenkminute doppelt so gut, und wann steigt die Slow-Food-Bewegung auf den Zug auf?

          Zum Glück wird alles ganz genau erklärt. Die Forscher ließen 188 Studenten eine Stadtrundfahrt durch Philadelphia machen, die Hälfte mit, die andere Hälfte ohne Kamera. Diejenigen, die fotografieren durften, bewerteten das Erlebnis hinterher auf einem Fragebogen deutlich positiver. Dann durften 149 Probanden in einer Markthalle essen gehen, wobei die Hälfte aufgefordert wurde, mindestens drei Fotos von ihrem Teller zu machen. Die Fotografen gaben dem Essen später bessere Noten. Das sind natürlich ganz schlechte Nachrichten für Restaurants, die das Tellerknipsen in ihren Räumen untersagt haben. Dass das Erlebnis nur für die Fotografierenden angenehm ist, betonten die Forscher auch: Bei mit am Tisch sitzenden Personen steigt das Genervtheitslevel womöglich drastisch. Aber auch Museen sollten das mit dem Fotoverbot noch einmal überdenken. Denn nun wurde die Sache ausgefeilt: Studenten wurden mit oder ohne Kamera in die Ausstellung eines Archäologischen Museums geschickt, dabei trugen sie Brillen, die ihre Blickbewegungen aufzeichneten. Das Ergebnis bestätigte die bisherige These: Fotografieren bringt mehr Spaß, die Probanden fühlten sich involvierter. Und sie schauten sich die Exponate länger und konzentrierter an als die anderen, die gerne auch mal ziellos in den Raum, auf Hinweisschilder oder andere Besucher starrten.

          In einer weiteren Studie gaben die Forscher den Probanden keine Kameras, sie sollten sich einfach nur intensiv vorstellen, zu fotografieren. Und interessanterweise hatte das den gleichen Effekt: Der Prozess, sich visuell auf einen bestimmten Ausschnitt des Sichtfeldes zu konzentrieren, sorgte für ein intensiveres Erlebnis. Gleichzeitig fand man aber heraus, dass sich auch negative Erlebnisse potenzierten. Fotografieren, so folgern die Forscher, gehört zu den ganz wenigen Tätigkeiten, die man parallel ausüben kann, ohne dass sie vom Eigentlichen ablenken, ganz im Gegenteil. Das ist eine ziemliche Erleichterung für alle, die gerade mit ihren Kameras im Urlaub sind. Und womöglich tun sich da auch im Lifestyle-Segment, in dem es ja stets entspannt und positiv zugeht, ganz neue Möglichkeiten zur Ertragsgewinnung auf. Wir freuen uns jedenfalls schon auf Ratgeber und Zeitschriftentitel wie „Heilsames Miteinander – Achtsamkeit im Gruppenbild“ und „Den Stress abblenden, den Fokus finden: Meditativ mit Mittelformat“.

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