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Studie über Popmusik : Wie die Akkorde verschwanden

Viel Weltschmerz, wenige Instrumente: Nick Cave 1984 Bild: Picture-Alliance

Eine neue Studie hat die Lieder der amerikanischen Billboard-Charts von 1960 bis 2010 analysiert. Sie entdeckte drei entscheidende Zäsuren in der Popmusik – und das schwärzeste Jahrzehnt für E-Gitarren.

          17.094 verschiedene Lieder. So viele haben vier Forscher für ihr Projekt „The evolution of popular music: USA 1960–2010“ untersucht – zumindest Ausschnitte von je 30 Sekunden. Das sind 86 Prozent aller Stücke, die in dieser Zeit in den amerikanischen Top 100 waren. Ein paar Lieder aus der Anfangszeit fehlten, wie die Autoren in der Einleitung zu ihrer Studie erklärten.

          Große Umbrüche der Popmusik

          Die Audioschnipsel wurden nach verschiedenen Kategorien eingestuft, die vom Tongeschlecht über die Stimmung des Liedes bis hin zur Instrumentierung reichten. Bald zeigte sich ein Bild, das die großen Umbrüche in der Geschichte der Popmusik kenntlich macht.

          Analyse der großen Veränderungen in der Popmusik

          Wo die Farbgebung hellblau, gelb oder gar rot wird, haben sich plötzliche Änderungen ergeben. Die erste Stelle findet sich Ende 1963 – just zu diesem Zeitpunkt hatten die Beatles mit „I Want to Hold Your Hand“ ihren Durchbruch. Fortan griff jeder Musiker, der etwas werden wollte, zur Gitarre: Die Popmusik blieb jahrzehntelang von dieser Musik geprägt.

          Tanzmusik auf dem Vormarsch

          Die zweite Zäsur wird um 1982 herum sichtbar. Disco und Rock setzten sich damals rasch durch: In den amerikanischen Jahrescharts von 1982 lag „Eye of the Tiger“ auf Platz zwei vor „I Love Rock’n’Roll“. Platz eins war indes von „Let’s Get Physical“ von Olivia Newton-John besetzt. Der Rest der Top Ten kam mit Liedern wie „Ebony and Ivory“ und „Hard to Say I’m Sorry“ von Chicago noch ziemlich kuschelig daher. Doch schon in den Jahrescharts von 1983 ändert sich das: Auch wenn mit „Every Breath You Take“ noch immer eine Popballade den Spitzenplatz belegt, drängen sich dahinter Disco-Klassiker wie „Billie Jean“, „What a Feeling“, „Beat It“, und „Maniac“. Aus der Rock-Riege schaffte es „Total Eclipse of the Heart“ auf Rang sechs.

          Ikone der Rockmusik: die E-Gitarre

          Der nächste große Wandel geschah 1991 mit dem Siegeszug des Hiphop – der freilich lange auf sich hatte warten lassen, schließlich stammt der erste populäre Hiphop-Song „Rapper’s Delight“ von 1979. In den Jahrescharts von 1991 ist das bestplazierte Lied, das man dem Genre zuordnen könnte, „Good Vibrations“ von Marky Mark auf einem schwachen Rang 20. 1992 hat sich Hiphop bereits kommerziell durchgesetzt: Nach der offenbar unvermeidlichen Nummer-eins-Schnulze, diesmal  „End of the Road“ von Boyz II Men, folgen Sir Mix-a-Lot mit „Baby Got Back“ und Kriss Kross mit „Jump“ – heute längst Klassiker des Genres.

          Dürre Phase der Rockmusik

          Um die Entwicklung der Musikstile darzustellen, definierten die Wissenschaftler dreizehn von ihnen. Die Spindeln werden breiter, je verbreiteter der Stil im betreffenden Jahr in den Charts ist. Dabei wird unter anderem ersichtlich, wie Jazz kontinuierlich Boden verloren hat. Hiphop dagegen sieht zwanzig Jahre lang äußerst wohlgenährt aus.

          Verbreitung der Genres über die Jahre hinweg

          Die Abteilung Rockmusik (Nummern fünf und dreizehn) erlebte in den neunziger Jahren eine auffallend dürre Phase. Die E-Gitarren verstaubten in den Ecken der Jugendzimmer. Kein Wunder: Das war die Zeit des Dancefloor oder Eurodance, ein heute zu Recht weitgehend in Vergessenheit geratenes Genre, das höchstens noch als Beschallung von Autoscootern auf Jahrmärkten Verwendung findet. In der Grafik fällt es unter Kategorie acht. In Amerika kennt man es vor allem unter dem Namen Eurodance, weil viele der berühmtesten Bands (die man damals Acts nannte) aus Europa kamen. Die Frankfurter von Snap! etwa erreichten mit „Rhythm Is a Dancer“ in den Billboard Charts 1992 Platz fünf.

          Harmonie und Tongeschlechter

          Doch die Studie unterteilt die Lieder nicht nur in Genres, sondern geht viel weiter. Schließlich können Folk, Disco und Hardrock harmonische Gemeinsamkeiten haben. Die Verwendung von Dominantseptakkorden etwa sinkt seit Beginn der Aufzeichnungen kontinuierlich (H1). Dagegen sind Lieder im reinen Moll offenbar ein Dauerbrenner: Ihre Verbreitung schwankt kaum (H2).

          Harmonielehre über fünf Jahrzehnte

          Hier zeigt sich auch, was sich musikalisch durch den Höhenflug der Rapmusik verändert hat: Es gibt bei Hiphop häufig keine Akkorde in der Musik (H5). Ohnehin wird die Musik im Großen und Ganzen nicht unbedingt komplexer, wie das Verschwinden des Jazz schon angedeutet hat. Die ganz simple Aneinanderreihung von Durakkorden, ohne sie ein einziges Mal durch einen Mollakkord zu ersetzen, erlebt seit dem Millennium einen Aufschwung (H8).

          Es kommt alles zurück

          Und wie klingt das alles? Um diese Frage zu beantworten, schufen die Forscher eine Unterteilung in acht Klangfarben.

          Klangfarben in der Popmusik

          In den achtziger Jahren bilden die Kategorie „drums, aggressive, percussive“ und „guitar, loud, energetic“ die goldene Ära des Classic Rock ab (T1). Hiphop („energetic, speech, bright“) ist seit etwa 2005 wieder im Sinkflug (T3).  Klavier und Orchester hingegen legen eine wunderbar harmonisch wirkende, langgezogene Sinuskurve hin: Für sie war um die technikversessene Jahrtausendwende herum kein Platz, doch seitdem geht es wieder aufwärts (T4). Denn auch das gehört zu den Gesetzmäßigkeiten der Musik wie der Mode: Es kommt alles zurück. Mit etwas Glück bildet Eurodance da eine Ausnahme.

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