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Studentenproteste in Frankfurt : Unsere erste Lehrstunde in Sachen Globalisierung

  • -Aktualisiert am

Léopold Senghor hält eine Festrede nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 22. September 1968 in der Paulskirche in Frankfurt am Main. Bild: Picture-Alliance

Als Léopold Sédar Senghor 1968 den Friedenspreis bekam, gab es in Frankfurt heftige Studentenproteste. Aber worum ging es eigentlich? Dem Ganzen lag ein großes Missverständnis zugrunde.

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          Der SDS ruft auf zur Besetzung der Paulskirche, Sonntag, den 22.9., 10:00 Uhr, um die Preisverleihung des kulturimperialistischen Establishments im Börsenverein des Deutschen Buchhandels an Senghor zu verhindern.“ Die Störung der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, zu der dieses Flugblatt des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds im Jahr 1968 aufforderte, sollte den Höhepunkt großangelegter Protestaktionen bilden. Im politisierten Klima jenes Jahres hatte der SDS bereits zu einem Zeitpunkt beschlossen, die Bühne des Friedenspreises dafür zu nutzen, als noch gar nicht feststand, wer den Preis erhalten sollte. Die Verleihung wurde vom SDS per se als kulturkonservative Staatsaktion verurteilt. Seit der erstmaligen Vergabe im Jahr 1950 hatte sich der Friedenspreis zur wichtigsten Kulturauszeichnung der Bundesrepublik entwickelt. Regelmäßig nahmen Repräsentanten aus Politik und öffentlichem Leben an der Verleihung in der Frankfurter Paulskirche teil, seit 1956 übertrug der Rundfunk die Feier.

          Ausgezeichnet wurden vor 1968 fast ausnahmslos alte weiße Männer aus dem Westen, die die Werte der demokratischen und marktwirtschaftlichen Grundordnung der Bundesrepublik teilten. Der Börsenverein ehrte sie für moralisch oder religiös inspirierten Humanismus und geistig-idealistisches, aber ausdrücklich unpolitisches Eintreten für Frieden und Verständigung. Die Festreden appellierten dementsprechend üblicherweise an das Wahre, Gute und Schöne. Etwaige Gesellschaftskritik blieb abstrakt und ohne konkrete Aufrufe zum Handeln, weshalb sich niemand getroffen fühlen musste. In der bundesdeutschen Öffentlichkeit fanden sie deshalb stets große Zustimmung.

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