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Studentenküche : Es soll Liebe drin stecken

Thomas Gottschalk, Alfred Biolek und eine Stange Lauch: „Alfredissimo“ 2006. Bild: Picture-Alliance

Wenn man jung ist, kocht man gern viereckig oder isst aus der Dose. Irgendwann reicht einem das nicht mehr. Dann schlägt die Stunde der Fernsehköche – wie Alfred Biolek.

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          Lehrjahre sind keine Wir-kochen-unsere-Brühe-selbst-Jahre, keine Jahre selbstgemachter Marmeladen, es sind die Jahre, in denen Essen oft viereckig ist. Oder eingefroren. Oder aus der Dose kommt. Höchstens, dass mal ein Basilikumtopf auf der Fensterbank um sein Leben kämpft. Aber Kochen? Mit echten Zutaten? Nudeln, das ja. Und Nudeln. Und Nudeln.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vielleicht gehört das aber auch zum Loslösungsprozess aus dem Elternhaus, wo es selbstgemachte Marmelade gab und mittags die Graupensuppe aus einem Knochen ausgekocht wurde: dass man endlich frei entscheiden kann, auch in der Küche. Und dann entscheidet man sich halt für Viereckiges aus dem Karton. Oder vier Bockwürstchen aus dem Glas mit Senf und Ketchup auf einmal, und zwar jeden Tag wieder. Das war mein erstes Semester: sieben Scheine, vierzig Hektoliter schlimmes Bier und achttausend Bockwürstchen.

          Dann kam Alfred Biolek. Und ich seinetwegen immer rechtzeitig freitags nachmittags aus dem Seminar wieder. Mit Biolek fing alles an. Biolek hatte nichts gegen Brühwürfel. Biolek literte den Wein in seiner Sendung auch fast so wahllos in seine Gäste hinein, wie wir es an WG-Tischen taten, nur dass es bei ihm natürlich viel, viel besserer Wein war, für den er aber offenbar keinen Waffenschein hatte machen müssen: Er trank ihn einfach. Er prahlte nicht damit, prahlte mehr mit seiner Ungezwungenheit am Herd – die wichtig war, um sich selbst zu trauen und sich wieder zu lösen, diesmal aus dem Bockwürstchenuniversum.

          Das Übergangsgericht war Bioleks Huhn in Tütenzwiebelsuppensahne und Butter. Es war ein typisches Gericht für ihn, schlicht, aber auch schlau, es wurde unser Festessen: Hühnerbrüste in eine Auflaufform legen, eine Tüte Zwiebelsuppe mit einem Becher Sahne mischen und drübergießen, Butter dazu, backen. Die Reste der Sauce haben wir mit dem Finger aus der Form gerettet, nichts durfte verschwendet werden. Ich glaube, ich habe dieses Tütenzwiebelsuppensahnehuhn so oft gegessen, wie ich damals „Digital ist besser“ oder „Homework“ gehört habe, meist sogar gleichzeitig.

          Wenn man dann groß wird, was man daran erkennt, dass man weiß, was eine Beinscheibe ist, hat man irgendwann keine Tütensuppen mehr zu Hause. Sie dann doch mal wieder zu essen, stillt das Zeitweh. Neulich habe ich gelesen, dass Alfred Biolek nicht mehr kocht. Und jetzt sein Brot in Vierecke schneidet. Ich tu das auch und denk an ihn.

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