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Gegen den Lockdown-Stress : Sei nicht die Axt im Walde

  • -Aktualisiert am

Man muss ja nicht gleich den ganzen Baum umarmen, anfassen reicht. Bild: dpa

Wie baut man den Stress des Lockdowns ab? Raus ins Grüne selbstverständlich. Aber nicht nur, um ein paar Selfies zu machen, sondern um die Natur zu verstehen. Das wirkt heilsam.

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          Die Farbe Grün beruhigt aufgewühlte Gemüter, weshalb man seit Beginn der Corona-Pandemie, die selbst die Psyche widerstandsfähiger Menschen zermürbt, immer wieder einen Ratschlag hört: Geht in die Natur! Nun empfängt einen diese zurzeit zumindest bei uns nicht mit satten Grün.

          Das schmälert ihre Kraft aber keineswegs, denn worauf es neben dem Gang in die Natur vor allem ankommt, ist die Haltung, mit der man ihr begegnet. Das leuchtet ein, bekanntlich hilft Haltung auch in anderen Lebenslagen. Forscher der Universität von Georgia, Connecticut sowie der japanischen Universität Yamagata haben nun Umfragen unter Amerikanern und Japanern ausgewertet, in denen die Studienteilnehmer nach ihrem Naturbild befragt wurden sowie den psychischen Belastungen durch Corona.

          Alle Teilnehmer empfinden, wenig überraschend und unabhängig von ihrem Wohnort, pandemiebedingt mehr Stress, wobei allerdings Menschen, die im Einklang mit der Natur leben, besser mit der Situation zurechtkommen als jene, die in der Natur einen Gegner sehen, den es zu bezwingen und zu beherrschen gilt. Interessant ist: Amerikanern, die sich als Meister der natürlichen Welt verstehen, fällt der Umgang mit Corona offenbar schwerer als Japanern, die diese Überzeugung teilen.

          Die Forscher begründen den Unterschied mit der Fähigkeit, Widersprüche zu tolerieren und zu akzeptieren, die Japaner offenbar in größerem Ausmaß haben als Amerikaner, bei denen die Zündschnur kürzer zu sein scheint, worauf man freilich auch ohne Studie hätte kommen können. Vielleicht fußt die Gelassenheit unter anderem auf der schönen Praktik des Waldbadens, mit der mehr als nur ein netter Spaziergang gemeint ist, bei dem man hin und wieder sein Smartphone zückt, um Fotos zu machen, sondern ein Sich-Einlassen auf die Natur.

          Shinrin Yoku ist im dichtbevölkerten Japan, wo sich die Menschen in den Millionenstädten in winzige Apartments zwängen, eine anerkannte Therapieform. Bereits 1984 veröffentlichte der amerikanische Wissenschaftler Roger S. Ulrich eine Studie, die untersucht hatte, wie schnell sich Patienten nach einer Gallenblasenoperation in einem Krankenhaus in Pennsylvania erholten. Die einen blickten auf Bäume, die anderen auf eine Ziegelwand. Die optische Nähe zur Natur beschleunigte den Heilungsprozess, die Patienten nahmen weniger Schmerzmittel als die Vergleichsgruppe und kämpften seltener mit postoperativen Komplikationen.

          Seitdem der Förster Peter Wohlleben zum Bestseller-Autor avanciert ist, werden auch hierzulande mehr Bäume umarmt. Man kann das Waldbaden, bei dem bisweilen auch Yoga-Matten zum Einsatz kommen, belächeln und als Achtsamkeitspraktik für Self-Care-Enthusiasten abtun. Doch gewiss ist es besser, einen Baum zu umarmen, als sich wie die Axt im Walde zu benehmen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

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