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Streitfall Kiezdeutsch : „Man misst hier mit zweierlei Maß“

  • Aktualisiert am
          4 Min.

          Herr Androutsopoulos, haben Sie heute schon „rote Ampel gemacht“?

          Eine was? Eine übersprungen oder mit dem Fahrrad über eine gefahren?

          Beides. Das war Kiezdeutsch und heißt soviel wie: Bei Rot über die Ampel gehen. Sie erforschen seit langer Zeit die Jugendsprache und Ethnolekte. War ihnen das Beispiel nicht bekannt?

          „Rote Ampel machen“ scheint neu zu sein. Aber es gibt eine Menge Beispiele in der deutschen Umgangssprache mit „machen“ als Funktionsverb, unter anderem „blau machen“ oder „Foto machen“. Ich sehe darin allerdings überhaupt kein Problem, ebenso wenig bei der Verschmelzung des Subjektpronomens mit dem Verb, wie bei „Ischwör“.

          Ihre Kollegin Heike Wiese hat gefordert, das Kiezdeutsch als ganz normalen Dialekt des Deutschen anzuerkennen. Man könne nicht mehr nur von Jugendsprache sprechen. Das Kiezdeutsch habe vielmehr ein eigenes System. Teilen Sie ihre Auffassung?

          Kiezdeutsch hat noch keine klaren Konturen, wir wissen viel zu wenig darüber, um eindeutig sagen zu können, was Kiezdeutsch ist. Grammatische Regelmäßigkeiten wie der Ausfall von Präpositionen und Artikeln, wodurch Sätze wie „Ich geh Bibliothek“ entstehen, gibt es nur wenige. Eine andere Regelmäßigkeit von Kiezdeutsch scheint in seiner Offenheit gegenüber Ausdrücken aus anderen Sprachen zu bestehen. Welche anderen Sprachen das sind, wird nach lokalen Machtverhältnissen in einem Stadtteil oder der Clique immer neu ausgehandelt.

          Man weiß noch gar nicht so richtig, was das Kiezdeutsche ist, aber seine Sprecher werden trotzdem sozial abgewertet. Warum?

          Umgangssprachliche Verknappung ist generell verpönt, weil ausformulierte Sätze mit formellen Situationen verbunden sind und daher höheres Ansehen genießen. Außerdem sind viele Dialektsprecher Benachteiligungen ausgesetzt. Wer zum Beispiel stark sächselt, kann bei einer Bewerbung in der Kommunikationsbranche in Hamburg Nachteile erleiden. Die stereotype Verbindung von Dialekt mit geringerer Bildung oder Raffinesse ist eine landläufige Ideologie, die Sprache und Gesellschaft zumindest in Deutschland strukturiert. Kiezdeutsch wird in diese Denkweise über Sprache natürlich miteinbezogen.

          Jetzt reden Sie schon ganz selbstverständlich von Dialekten, aber kann Kiezdeutsch überhaupt als ein solcher bezeichnet werden?

          Das hängt davon ab, ob man über die rein linguistischen Strukturen oder über den gesellschaftlichen, historischen, kulturellen Aspekt an die Frage ran geht. Auf soziolinguistischer Ebene spricht einiges dafür, Kiezdeutsch als Dialekt des Deutschen zu behandeln. In der Öffentlichkeit werden Kiezdeutsch oder „Kanak Sprak“ oder wie man es auch nennen möchte, so behandelt, als wäre es kein Deutsch, sondern eine andere Sprache, die die Standardsprache bedrohen würden. Wenn man Kiezdeutsch nun als Dialekt thematisieren würde, fiele diese ganze Wahrnehmung von Fremdheit weg. Das würde fachlich, öffentlich und journalistisch beitragen, Kiezdeutsch zu normalisieren.

          Und welche rein linguistischen Aspekte sprechen für die Kennzeichnung als Dialekt?

          Mir scheint, dass auf der rein sprachlichen Seite noch eine Menge Fragen offen sind, zum Beispiel sind Phonologie und Prosodie des Kiezdeutschen noch wenig erforscht. Wir wissen nicht, wie sich Kiezdeutsch in ihrer Lautung beispielsweise in Hamburg, Berlin und Stuttgart unterscheidet. Welche Reichweite hat Kiezdeutsch? Wie fließen regionale Besonderheiten mit ein? Können wir wirklich nur von einem Dialekt sprechen? Oder sind es mehrere? Das alles ist noch nicht erforscht.

          Nicht nur von sprachlicher Bedeutung: Ist Kiezdeutsch ein Dialekt? Der Linguist sagt „Jein“
          Nicht nur von sprachlicher Bedeutung: Ist Kiezdeutsch ein Dialekt? Der Linguist sagt „Jein“ : Bild: privat

          Die Reichweite ist aber immerhin schon so umfassend, dass viele Menschen im Kiezdeutschen eine Bedrohung für das Deutsche sehen.

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