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Streit ums Homosexuellen-Mahnmal : Szenelokalverbot gleich Konzentrationslager?

  • -Aktualisiert am

Ein Blick in die „Schwule Stele” von Berlin Bild: picture-alliance/ dpa

Das Berliner Homosexuellen-Mahnmal entzweit Parteien, die sonst für ein gemeinsames Interesse streiten. Das Schicksal der Schwulen und Lesben im Dritten Reich soll hier auf Initiative lesbischer Lobbyisten gleichgesetzt werden. Doch eine gezielte Lesbenverfolgung hat es im NS-Staat nie gegeben.

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          Wie leicht sich das doch sagt: ein harmloser Kuss. Wie kann ein Kuss harmlos sein - zumal unter Männern, im Tiergarten, im „Dritten Reich“? Seit einigen Wochen ist, wagt man sich mit dem Kopf nur nah genug an den großen grauen Steinquader heran, in einer Sichtblende des „Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“ in Berlin der liebevolle, zärtliche Kuss zweier Männer zu sehen, in Endlosschleife: Sie stehen sich ruhig gegenüber, verschränken die Köpfe und küssen sich. Weiter nichts.

          Gleichwohl ist dieser Kuss, der während des „Dritten Reiches“ aufgrund des verschärften Paragraphen 175 die Verschleppung der Männer in ein Konzentrationslager hätte bewirken können, nicht unumstritten. Unter jenen nicht, die ein weiteres Mahnmal für Opfer des Hitlerreiches schon im Moment der Bundestagsentscheidung 2003 für unangebracht hielten. Und selbst in den Reihen der Befürworter und Gestalter nicht, auch wenn sie bei der Eröffnung der Gedenkstelle Ende Mai die Zähne aufeinanderbissen.

          Über die historischen Fakten hinweg

          Im Gespräch beklagen männliche Homosexuellen-Aktivisten in einem Ton, in dem sich Verbitterung und Anerkennung mischen, einen Sieg der mit ihnen gewöhnlich verbündeten lesbischen Lobby. Dank entschiedener Unterstützung der Frauenzeitschrift „Emma“ wurde ein denkwürdiger Kompromiss erzwungen, mit dem die Sprecher der Schwulen sich arrangiert haben. Sie hoffen aber immer noch auf eine Debatte, die die Umsetzung des Kompromisses verhindern oder sie zumindest blickschärfend begleiten soll - schweigend, um nicht aus einer hoch emotionalisierten, hoch politisierten Szene hinausgedrängt zu werden.

          Der Kompromiss: Er läuft auf den Plan hinaus, den im Denkmal gezeigten Film sich küssender Männer in zwei Jahren gegen einen lesbischen Frauen gewidmeten Film auszutauschen, und ist in seinem Streben nach Geschlechterparität ein frappierendes Beispiel dafür, wie um der gesellschaftlichen Anerkennung im Heute willen eine Geschichtspolitik betrieben wird, die gleichermaßen bewusst wie respektlos über die historischen Tatsachen hinwegstiefelt. Denn anders als eine Schwulen-Verfolgung, in deren Rahmen rund hunderttausend Männer polizeilich registriert, mehr als fünfzigtausend gerichtlich belangt, bis zu fünfzehntausend in Konzentrationslager gebracht und einige tausend getötet wurden, hat es eine Lesben-Verfolgung im Hitlerstaat nie gegeben - wenn man mit Verfolgung massenhafte Inhaftierungen und Tötungen assoziiert.

          Verfolgung und Diskriminierung

          Das verneint zwar auch die Gedenktafel des neuen Denkmals nicht: „Weibliche Homosexualität wurde nicht strafrechtlich verfolgt.“ Doch war für besagten Kompromiss ausreichend genug, dass auch lesbische Frauen, wenn sie in Konflikt mit dem Regime gerieten, Repressionen ausgesetzt waren, dass auch sie, wie es auf der Tafel heißt, unter der Zerstörung der „Lebenswelten“ der schwul-lesbischen Szene litten, „eingeschüchtert und unter stetem Zwang zu Tarnung“ lebten. Derart rundgeschliffen sind die Formulierungen auf dieser Tafel, dass kaum einer der Besucher, die an diesem Wochenende zum „Christopher Street Day“ nach Berlin kommen und das Denkmal nicht ohne Stolz aufsuchen werden, pietätvoll zwischen jenen zu unterscheiden vermag, die Furchtbares zu erleiden hatten, und jenen, die zwar ausgegrenzt und diskriminiert, aber eben nicht verfolgt wurden.

          Das Problem bei der Auseinandersetzung mit dem Schicksal lesbischer Frauen im Hitlerreich besteht darin, dass schriftliche Quellen kaum überliefert und Zeitzeuginnen-Befragungen so selten wie diffizil waren. Vieles wird nur dem Hörensagen nach rekonstruiert, geriet in der Erinnerung bereits durcheinander, wird von Unstimmigkeiten begleitet und von Klischees überdeckt. Fest steht, dass Szenelokale geschlossen, Zeitschriften verboten, viele derjenigen Freiheiten eingeschränkt wurden, die auch lesbische Frauen sich in den „Goldenen Zwanzigern“ erstritten und herausgenommen hatten. Auch wurde unter den Mächtigen durchaus diskutiert, ob die Strafverfolgung auf sie ausgeweitet werden sollte. Frauen, die sich einem „widernatürlichen Verkehr hingeben“, meinte aber das Reichsjustizministerium noch im Juni 1942, seien „nicht in dem Maße wie homosexuelle Männer für immer als Zeugungsfaktoren verloren, da sie sich erfahrungsgemäß oft später wieder einem normalen Verkehr zuwenden“.

          Keine systematische Verfolgung

          Die Historikerin Claudia Schoppmann, die maßgebliche Autorität auf dem wenig erforschten Gebiet der lesbischen Lebenswelten unter Hitler, betont daher, „dass es keine systematische Verfolgung lesbischer Frauen gegeben hat, die mit derjenigen homosexueller Männer vergleichbar ist“. Das verhinderte, wenn man so will, allein schon das sexistische Frauenbild der Nationalsozialisten.

          Für homosexuelle Männer begann die Verfolgung schon unmittelbar nach der „Machtergreifung“. Nach der Ermordung des homosexuellen Stabschef der SA, Ernst Röhm, wurde Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs verschärft, der bis 1969 gültig blieb. Antriebskräfte der Verfolgung waren Rassenwahn und bevölkerungspolitischer Zynismus, in der Praxis wurde sie maßgeblich von Denunzianten getragen. Die Hitlerjugend wurde beobachtet. Gerichtlich bereits belangte Männer wurden in „polizeiliche Vorbeugehaft“ genommen oder in Konzentrationslager gesperrt, ja zur „freiwilligen Entmannung“ gedrängt. In den Lagern wurden die Homosexuellen von den Mithäftlingen missachtet, von den Wachmannschaften besonders schikaniert und tausendfach auch zu Tode gebracht. Die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ war Himmler unterstellt. Mit Liebenden, die ihre Lokale nicht mehr besuchen und Zeitschriften nicht mehr lesen konnten, ist das nicht zu vergleichen.

          Verzerrung für gegenwärtige Zwecke

          Wie aber erklärt sich, dass immer wieder in einem Atemzug auch von den verfolgten lesbischen Frauen die Rede ist? Diejenigen lesbischen Frauen, die in Konzentrationslagern nachgewiesen werden können, wurden in der Regel aufgrund der Rassengesetzgebung oder ihrer politischen Einstellung verfolgt. Zumindest offiziell. Und das ist aus Sicht mancher Historikerinnen der entscheidende Punkt der wissenschaftlichen Diskussion: Was war der tatsächliche Anlass für eine Inhaftierung, was bloß der Vorwand?

          Die Antwort kann es nicht sein, gewissermaßen in Verkehrung des Generalverdachts auch die Lesben mit der Opfergruppe der Schwulen gleichzustellen. Wo die Überlieferung fragmentiert ist, bleibt zu viel Raum für Umdeutungen, Spekulationen, volkspädagogisch gestreute Mythen. Die Arbeitsgemeinschaft der NS-Gedenkstätten hatte die Befürworter des Kompromisses vor einer „Verzerrung der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke“ gewarnt, die die „kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Ganzen“ zu entwerten drohe.

          Alles wird verwoben

          Die Warnung blieb vergeblich. Und doch kann man sie nicht oft genug wiederholen. Denn die Populärkultur sorgt ohnehin dafür, dass uns der Sinn für Details verlorengeht. Wurde Felice, die von Maria Schrader gespielte Hauptfigur des Kinofilmes „Aimée und Jaguar“, am Ende nach Theresienstadt verschleppt, weil sie Jüdin und im Untergrund aktiv war? Oder weil sie Frauen liebte? In unserer Erinnerungskultur wird alles mit allem verwoben. Und dadurch letztlich relativiert.

          Diejenigen, die am Wochenende den optisch an das Holocaust-Mahnmal angelehnten Steinkubus im Tiergarten entdecken, die „schwule Stele“, werden auf der Gedenktafel den Satz lesen: „Mit diesem Denkmal will die Bundesrepublik die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wachhalten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.“ Und sie werden sich vor Beginn der kunterbunten Demonstration, die sich in Erinnerung an die New Yorker Ausschreitungen des Jahres 1969 „Christopher Street Day“ nennt, am neuen Homosexuellen-Denkmal zu einer Gedenkfeier versammeln - in Anwesenheit von Wolfgang Thierse, einer Vertreterin des Landesverbandes der Sinti und Roma, die einem eigenen Mahnmal in Berlin entgegenblicken, und dem vermutlich letzten Überlebenden der nationalsozialistischen Schwulenverfolgung.

          Vielleicht sollte man die Politiker und Lobbyisten unter den Ehrengästen fragen, wie sie das künftig schaffen wollen: an diesem Mahnmal und erst recht bei solchen Veranstaltungen deutlicher zu unterscheiden, was unterschieden werden muss. Schließlich ist dies die Frage, der sich auch die Jury für die Auswahl des Filmes wird stellen müssen, der alle zwei Jahre ausgetauscht und beiden Gruppen, Schwulen wie Lesben, gerecht werden soll. Ein harmloser Kuss unter Frauen jedenfalls kann die Lösung nicht sein.

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