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„Tannhäuser“ in Nowosibirsk : Attacke auf Wagner

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Ein Werk namens „Venusgrotte“: Die Tannhäuser-Inszenierung an der Oper von Nowosibirsk. Bild: Viktor Dmitriev

In der Seifenoper um eine „Tannhäuser“-Inszenierung kämpfen Staatsanwälte, Minister und Kirchenleute gegen Künstler, Freiheit und die Moderne. Es ist aber keine Reality-Show, sondern Russlands Realität.

          7 Min.

          Nachrichten aus Russland sind meistens düster. An einem Tag wird von politischem Mord berichtet, am nächsten prahlt der russische Präsident im Staatsfernsehen damit, den militärischen Überfall auf die Ukraine höchstpersönlich organisiert und geleitet zu haben, und droht der Welt unverhohlen mit einem nuklearen Schlag. General Motors stellt in Russland die Produktion und den Verkauf von Opel und Chevrolet ein und streicht 16000 Arbeitsstellen. Aber zwischen Rezession und Repressionen muss es doch auch Stoff für gute Nachrichten geben, schließlich geht das Leben weiter, Russland ist eine große Kulturnation und besteht nicht nur aus Putin und seinen Schergen.

          Gutes gibt es in der Tat zu berichten. An der Staatsoper von Nowosibirsk, dem wohl wichtigsten Opernhaus Russlands nach dem Moskauer Bolschoi und dem Petersburger Mariinski, wurde Richard Wagners „Tannhäuser“ inszeniert – für die russische Opernwelt ein durchaus großes Ereignis. Wagner ist auf den Opernbühnen Russlands ein seltener Gast. In der Nachkriegssowjetunion gab es gerade mal vier Inszenierungen, und ernstzunehmende Produktionen der postsowjetischen Zeit kann man an einer Hand abzählen. Die Regie in Nowosibirsk führte der viel bejubelte Jungstar Timofej Kuljabin, 30. In seiner Inszenierung ist Heinrich Tannhäuser ein depressiver Filmregisseur, der einen Streifen über die jungen Jahre von Jesus dreht. Sein Werk, das „Venusgrotte“ heißt, wird bei den Wartburger Filmfestspielen vorgestellt und löst einen riesigen Skandal aus; Tannhäuser wird ausgestoßen – so ähnlich wie Lars von Trier in Cannes. Die wenigen Medien, die über die neue „Tannhäuser“-Inszenierung schrieben, bezeichneten sie als das wichtigste Opernereignis der Saison und einen Meilenstein in der russischen Wagner-Wahrnehmung.

          Demonstrationen vor dem Opernhaus

          Die Premiere fand am 20. Dezember 2014 statt, doch richtig berühmt wurde die Inszenierung erst im Februar dieses Jahres. Der russisch-orthodoxe Erzbischof von Nowosibirsk und Berdsk Tichon zeigte den Regisseur Kuljabin und den Intendanten Boris Mesdritsch an: Die Inszenierung habe die Rechte der Gläubigen verletzt und christliche Symbole zweckentfremdet. So etwas steht im säkularen Russland unter Strafe.

          Die Reaktion des einflussreichen Kirchenmannes war nicht sehr überraschend. Bereits im Jahr 2012 mobilisierte er seine Anhänger gegen die Ausstellung erotischer Lithografien von Picasso und verlangte deren sofortige Schließung – mit viel Lärm, aber damals noch ohne Erfolg. Diesmal kam es aber anders. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren ein, stellte fest, dass eine Ordnungswidrigkeit vorliegt, nämlich „mutwillige öffentliche Schändung religiöser und liturgischer Literatur und religiöser Kultobjekte“, und brachte den Fall vor Gericht. Unterdessen demonstrierten Tausende vor dem Opernhaus, konservative Publizisten wüteten in staatsnahen und kirchlichen Medien, Abgeordnete der Duma verlangten gar eine Haftstrafe für die Frevler. Das war heftig, aber nach dem Pussy-Riot-Prozess wirkte es fast wie Routine. Ungewöhnlich war dagegen die Solidaritätskampagne, an der viele prominente Regisseure und Intendanten teilnahmen, unter ihnen zahlreiche Vertreter der alten sowjetischen Theater-Nomenklatura.

          Künstler als Täter

          Strafrechtliche Verfolgung der Kultur und öffentliche Hetze gegen Künstler haben in Putins Russland eine lange Tradition, doch meistens kommt die Unterstützung der Schikanierten hauptsächlich aus dem kleinen Kreis von Gleichgesinnten. 2003 zerstörten orthodoxe Fanatiker die Kunstausstellung „Vorsicht, Religion!“ im Moskauer Sacharow-Zentrum und erstatteten Anzeige gegen deren Veranstalter. Zwei Jahre später wurden jene Veranstalter zu hohen Geldstrafen verurteilt. Aus dem Prominentenlager waren nur Stimmen zu vernehmen, die eine harte Bestrafung der Gotteslästerer forderten. Es schwiegen nicht nur Direktoren wichtiger Museen, sondern auch namhafte Künstlerkollegen und Kuratoren. Viele erklärten ihr Schweigen damit, dass sie die Ausstellung, aus welchen Gründen auch immer, nicht gut fanden. Nur ein paar Jahre später wurden protestierende Fundamentalisten und folkloristisch gekleidete Kosaken mit Säbeln und Peitschen (kein Witz!) zum festen Bestandteil jeder halbwegs beachtenswerten Vernissage zeitgenössischer Kunst – bis sie schließlich gegen Picasso demonstrierten. Seinen vorübergehenden Höhepunkt erreichte dieser Prozess mit der Aburteilung der Pussy-Riot-Mitglieder. Die Beschuldigten behaupteten, ihr Auftritt in der Erlöser-Kathedrale sei Kunst gewesen, die Kunstwelt meinte geschlossen, das sei er nicht.

          Der Glaubenswächter kommt selten allein, sondern meistens in Begleitung eines Jugendbeschützers, der nach Pornografie und anderen jugendschädigenden Inhalten sucht, und eines Patrioten, der überall Hochverrat wähnt. Diese verschiedenen Aktivisten, oft in Personalunion vereint, überfallen Theater und Bibliotheken, Klubs und Verlage, Museen und Buchhandlungen, Kinos, Buchmessen und andere Kulturinstitutionen. Oft sind diese Überfälle Vorboten strafrechtlicher Verfolgung, amtlicher Verbote oder neuer repressiver Gesetze.

          Jugend vorm Däumelinchen schützen

          Vor zwei Jahren beschwerten sich orthodoxe Aktivisten beim Petersburger Gouverneur Poltawtschenko über die Ausstellung dänischer Kinderbuchillustratoren in einem staatlichen Jugendzentrum. Sie entdeckten Pornografie in der illustrierten Ausgabe von „Hamlet“; dort wird die Liebesbeziehung zwischen Gertrude und Claudius mit einer Zeichnung im Stil der Aufklärungsbücher für Vorschüler dargestellt. Der Gouverneur intervenierte, das Buch wurde von der Ausstellung genommen, der Leiterin des Jugendzentrums die Jahresprämie gestrichen. Es gab ein paar empörte Meldungen, aber selbstverständlich keine Proteste. Man geht ja nicht wegen solcher Bagatellen auf die Barrikaden. Fälle wie dieser sind der Alltag der russischen Kultur.

          Während ich diese Sätze schrieb, kam die Meldung, dass ein Schulamt in der Region Irkutsk am Baikalsee Astrid Lindgrens „Karlsson vom Dach“, Hans Christian Andersens „Däumelinchen“, Mark Twains „Tom Sawyer“ und Puschkins „Märchen vom goldenen Hahn“ als kinderschädigend einstufte und aus allen öffentlichen Bibliotheken entfernen ließ. Dieser Amok provinzieller Behörden ist zwar besonders dumm, aber keineswegs zufällig. Es wird schon seit Langem gescherzt, dass das föderale Gesetz Nr. 436 „zum Schutz der Jugend gegen schädliche Informationen“ so ziemlich jedes Kinderbuch und jede Kindersendung verbieten lässt. Es untersagt nämlich alles, was das traditionelle Bild der Familie in Frage stellt oder Krankheit und Leiden schildert. Und es ist genau dieses Gesetz, das „Propaganda der Homosexualität unter den Jugendlichen“ verbietet. Auch dieses Verbot, bevor es zu Klausel im föderalen Gesetz wurde und internationalen Ruhm erlangte, fing als eine provinzielle Spinnerei an, die niemand außer LGBT-Aktivisten beachtete.

          Der Jugendschutz und der Schutz der Gläubigen sind die beliebtesten Knüppel, mit denen man im heutigen Russland die Kultur zügelt. Nach der Attacke auf „Tannhäuser“ begehrte die Branche halbwegs geschlossen und wohl zum allerersten Mal dagegen auf.

          Im postsowjetischen Russland avancierte das Theater zum wichtigsten und wahrscheinlich sogar zum einzigen richtig blühenden Zweig der Kultur. Das Theaterleben boomte nicht nur in den Großstädten, sondern auch in der Provinz. Es wurden neue Bühnen gegründet und alte gefördert, und trotz aller Turbulenzen und landesspezifischen Idiotien gab es in dieser Sphäre so etwas wie eine Normalität mit ganz normalen Intrigen, Machtkämpfen und Missständen. Es lag nicht zuletzt an der Figur des Theaterkritikers Michail Schwydkoj, der von 2000 bis 2008 die obersten russischen Kulturbehörden leitete und seine Heimatbranche vor allzu heftiger Einmischung schützte. Experimentelle Inszenierungen an großen staatlichen Bühnen und moderne Interpretationen der Klassik waren ein Teil dieser Normalität; selbst wenn es staatlich oder kirchlich organisierte Kampagnen gab, richteten sie sich gegen Personen und nicht gegen diese Konvention. Als das Bolschoi-Theater 2005 zum ersten Mal seit Jahren mit „Rosenthals Kindern“ von Leonid Desjatnikow und Wladimir Sorokin eine moderne Oper auf den Spielplan setzte, nahm Schwydkoj die Produktion in Schutz vor dem kremlnahen Stürmertrupp „Die gemeinsam Gehenden“, der Demos vor dem Theater veranstaltete, den Librettisten Sorokin – den wichtigsten lebenden russischen Schriftsteller – als „Kotfresser“ und „Pornografen“ beschimpfte und das Verbot der Oper forderte. Nur ein Gericht könne eine Produktion verbieten, ließ Schwydkoj damals verlauten, und das war genug, um die Hetze zu beenden.

          Tannhäuser am Pranger

          Zehn Jahre später landete der Fall „Tannhäuser“ vor Gericht. Auf der Anklagebank saßen der Regisseur und der Intendant, aber jedem war klar: es war nothing personal, angeklagt wurde die Inszenierung. Die Unterstützung der Produktion aus den Reihen des Theaterestablishments lag vermutlich daran, dass buchstäblich in jedem großen Theater etwas vom Prinzip her Ähnliches läuft. Etliche Experten reisten am 10. März nach Nowosibirsk, um bei der Verhandlung als Zeugen aufzutreten, und als das Gericht Kuljabin und Mesdritsch freisprach, war es für alle ein Grund zum Jubeln.

          Die allgemeine Freude wurde ein bisschen vom Intendanten Mesdritsch getrübt, der das Bühnenbild „als Zeichen der Versöhnung“ verändern ließ. Kuljabins Inszenierung ist reich an filmischen Zitaten und Anspielungen. So erinnert etwa das Werbeposter zu Tannhäusers „Venusgrotte“ an das Plakat zu Miloš Formans „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“: eine männliche Figur, die gekreuzigt am weiblichen Unterleib hängt. Dieses Poster, über das sich der Erzbischof besonders empört hatte, wurde auf Anordnung des Intendanten durch eine weiße Fahne ersetzt. Etliche Unterstützer der Produktion fanden es einfach nur feige.

          Diese Demutsgeste hat aber wenig genutzt. Die Illusion, dass man die Schaffensfreiheit in Russland mit rechtlichen Mitteln und klugen Kompromissen verteidigen kann, dauerte nicht mal eine Woche. In dieser Zeit forderte der Erzbischof von Nowosibirsk ein neues Verfahren und bekam Zuspruch vom Oberrabbiner und vom Mufti. Die Staatsanwaltschaft kündigte Revision an, und das Kulturministerium rief zur öffentlichen Anhörung auf. Putins angeblicher Beichtvater Abt Tichon Schewkunow wetterte bei dieser Anhörung gegen das kurzsichtige Gericht, Timofej Kuljabin und andere blasphemische Regisseure und verlangte Schutz für das klassische Erbe, wobei er die Kirche explizit zur Schutzmacht erklärte. Wenige Tage später veröffentlichte das Ministerium ein Statement, in dem es Kuljabin und Mesdritsch Respektlosigkeit attestierte und eine Finanzprüfung des Opernhauses ankündigte – eine schlimme Plage ganz unabhängig vom Stand der Finanzen. Dabei blieb es aber nicht. Inspiriert von dieser Wendung bestellte eine dubiose „Gewerkschaft der Schauspieler“ ein Gutachten über drei Inszenierungen an verschiedenen Theatern, die ihrer Meinung nach klassische Stücke schänden – darunter eine von Kirill Serebrennikow, über den Abt Tichon Schewkunow in seiner Rede ebenfalls herfiel.

          Bad Guys Win

          Es ist nicht leicht, auszumachen, ob diese Kampagne überhaupt ein Ziel verfolgt. Russland konnte in der Moderne keine Wurzeln schlagen, wurde von der Postmoderne endgültig überfordert und begab sich nun auf die Flucht in die Archaik. Diese Bewegung geht von unten aus, es ist eine Massenflucht, die die russischen Machthaber genauso mitreißt wie das Schulamt am Baikalsee oder den Erzbischof und seine Gefolgsleute, von denen die meisten mit Sicherheit nie im Leben auch nur eine Note von Wagner gehört haben. Sie verhalten sich zu Wagner samt seinen Interpreten so ähnlich wie die IS-Kämpfer zu den assyrischen Skulpturen von Mossul. Für diesen Sonntag ist eine große Demo gegen „Tannhäuser“ angekündigt. Der Erzbischof von Nowosibirsk forderte alle Gläubigen zur Teilnahme auf und setzte jetzt schon alle, die nicht kommen, mit Judas gleich.

          Dem Geistlichen wird es nie auffallen, dass er sich genau darüber empört, wofür „Tannhäuser“ auf der Bühne bestraft wird, dass er mit seiner Empörung das Bühnengeschehen fortsetzt, dass er kein Gegner, sondern Gegenstand der Kunst ist. Es ist eine sonderbare Vorstellung, dass sich seine Demo und die Inszenierung von Wagners Oper, die auf Lars von Trier und Martin Scorsese anspielt und auf Patrice Chéreau zurückgreift, nicht in verschiedenen Dimensionen, sondern auf einer Fläche von nicht mal einem Quadratkilometer befinden. Es besteht keine Chance, dass sie dort friedlich koexistieren. Leider sieht es im Moment so aus, dass die Kunst unterliegt.

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