https://www.faz.net/-gqz-80a5b

Streit um „Timbuktu“-Regisseur : Katerstimmung

  • -Aktualisiert am

Seht her, ich bin unschuldig: Der Regisseur Abderrahmane Sissako dementiert sämtliche Vorwürfe. Bild: dpa

Sein Islamismus-Drama „Timbuktu“ gewann gleich siebenmal den französischen Filmpreis „César“. Doch jetzt steht Regisseur Abderrahmane Sissako für seine Nähe zum Diktator von Mali in der Kritik. Ist sein Film nur Propaganda?

          2 Min.

          Einen César nach dem anderen heimste „Timbuktu“ bei der Verleihung der französischen Filmpreise ein, sieben waren es am Schluss. Und mit jedem neuen kehrte der Regisseur Abderrahmane Sissako auf die Bühne zurück. Auch seine Frau begleitete er zur Entgegennahme eines César. Bei der nächsten Ehrung allerdings pausierte er, und manch ein Zuschauer mag sich eine handfeste Szene ihrer Ehe in den Kulissen ausgemalt haben. Denn Sissako hatte das Drehbuch, für das er und seine Frau zusammen als Verfasser geehrt worden waren, in seinen Dankesworten als „schwach“ bezeichnet, obwohl daraus ein großartiger Film entstanden sei.

          Sissakos „einmaliges Genie“ wurde umgehend von einem Kommuniqué der Regierung seines Heimatlandes Mali hervorgehoben. Darin steht auch, dass Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz mit seiner „unfehlbaren Unterstützung“ diesen „großen Film“ erst ermöglicht habe. Das ist reine Propaganda eines umstrittenen Diktators, der gerade erst mehrere Kritiker der seit kurzem in Mali verbotenen, aber weithin verbreiteten Sklavenhaltung ins Gefängnis steckte – darunter den stärksten Gegenkandidaten bei der Präsidentenwahl vom vergangenen Jahr. Aber auch in der übelsten Propaganda steckt manchmal Wahrheit. Inzwischen gibt es Berichte, wonach Sissako als „kultureller Berater“ des Präsidenten arbeite, in dessen Palast ein Büro habe, über Dienstwohnung und Dienstwagen verfüge. Zu den Dreharbeiten unter dem Schutz der malischen Armee, der die Franzosen zu Hilfe eilten, habe er falsche Angaben gemacht. Sogar die Idee zu seinem Film über die Dschihadisten sei von Aziz gekommen; der wollte, dass Sissako ein bereits angefangenes Werk über die Sklavenhaltung aufgebe. Aus Amerika, wo er bei den Oscars leer ausging, hat der Regisseur bisher wenig überzeugend dementiert: kein Auto, keine Wohnung. Die Vorwürfe kämen von einem Geschäftsmann und Regimegegner.

          Doch schon im Dezember hatte die frühere Afrika-Korrespondentin der Zeitung „Libération“, Sabine Cessou, auf die Rolle von Sissako und viele Unstimmigkeiten in seinem Film bezüglich der kriegerischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Timbuktu hingewiesen. Sissako erneuere „den europäischen Mythos vom guten Tuareg“, schreibt Cessou, sein Film sei „ein afrikanisches Märchen für den Westen“, allerdings gut gemacht. In Frankreich war er bisher nur in kleinen Kinos zu sehen. Nach den Césars wird er nun in mehr als 300 Sälen gezeigt. Der Preisregen erfolgte im Klima der Attentate vom 7. und 9. Januar und galt Sissakos ideologischer Stoßrichtung. Deshalb erzeugen die politischen und moralischen Vorwürfe besonderes Unbehagen. Beim Filmfestival in Cannes hatte „Timbuktu“ keinen Preis gewonnen. Bei der nächsten Ausgabe aber wird Sissako Jurypräsident sein.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Plädoyer in eigener Sache

          „Medea“ in München : Plädoyer in eigener Sache

          Der Chor fragt schon nach dem Recht der Frauen: Am Münchner Residenztheater inszeniert Karin Henkel „Medea“ nach Euripides. Carolin Conrad verkörpert die antike Kindsmörderin als geächtete Frau, die bewusst ins Unglück steuert.

          „The Roads Not Taken“ Video-Seite öffnen

          Kinotrailer : „The Roads Not Taken“

          „The Roads Not Taken“; 2020. Regie: Sally Potter. Darsteller: Javier Bardem, Elle Fanning, Salma Hayek. Start: 30.04.2020.

          Das Ende des Urheberrechts ist nahe

          Medienstaatsvertrag : Das Ende des Urheberrechts ist nahe

          Der von den Ländern kürzlich beschlossene Medienstaatsvertrag gilt als große Sache: Endlich würden auch die großen Online-Konzerne reguliert. Aber wie? Auf Kosten der Urheber.

          Topmeldungen

          Syrienkonflikt : Drohungen nach allen Seiten

          Der Angriff auf türkische Soldaten mit 33 Toten verschärft drastisch die Spannungen zwischen der Türkei und Russland in Syrien. Bevor es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen beiden Ländern kommt, stehen ihnen aber noch andere Instrumente zur Verfügung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.