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Baden am Berliner Stadtschloss : Wem gehört das Zentrum?

Das geplante „Flussbad“ der Architekten und Künstler Jan und Tim Edler soll unterhalb der Berliner Museumsinsel, direkt vor dem neuen Schloss entstehen. Bild: Flussbad e.V.

Ist das geplante „Flussbad“ im Herzen der Hauptstadt der Beginn einer neuen Stadtkultur – oder ein Ärgernis? Über den neuen Streit um Deutungshoheit.

          7 Min.

          Die Städte werden immer heißer. Sommertemperaturen um die 40 Grad sind an vielen Orten keine Seltenheit mehr. Experten fordern, um die innerstädtischen Temperaturen zu senken, massive Begrünung für mehr Schatten, mehr Wasserflächen, Brunnen und Kanäle. Bis die gegraben sind, bleibt der Bevölkerung in den kommenden Hitzewellen aber nur der Gang in die vorhandenen Gewässer: in Seen, Freibäder und Flüsse – wobei die meist zu schmutzig sind: In Paris, wo schon zu Zeiten Ludwigs XV. ein Flussbad in der Seine entstand, und auch in Berlin wurde das Baden im Fluss wegen der miserablen Wasserqualität schon um 1925 offiziell verboten.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Hundert Jahre später soll sich das wieder ändern. Die Berliner Stadtregierung hat beschlossen, ein Pilotprojekt zu realisieren, das 1998 von den Künstlern und Architekten Jan und Tim Edler erfunden wurde: Unterhalb der Museumsinsel, direkt vor dem neuen Schloss, soll in dem knapp zwei Kilometer langen Spreekanal eine öffentliche Badeanstalt entstehen. Damit man dort wieder schwimmen kann, wollen die Planer das Flusswasser durch eine wasserfilternde Biotoplandschaft leiten. In den Animationen sieht man eisklares, türkisgrünes Wasser. Zwischen den Kanalwänden sollen künstliche Inseln angelegt werden, Sandbänke aus Beton, auf die sich die Schwimmenden zum Ausruhen zurückziehen und notfalls retten können. Das Bad soll, wie jedes gute Freibad, ein sommerlicher Ort für alle werden: für die Studierenden der nahen Humboldt-Universität, für die Einwohner der Hochhäuser auf der Fischerinsel und für die Touristen, die sich in der bratenden Sonne vom Reichstag bis hierher geschleppt haben.

          Wer darf im identitätsstiftenden Zentrum was tun?

          Nicht alle sind von der Idee begeistert. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, fürchtet „Vermüllung“: „Hier werden Hunderte nicht nur baden, sondern feiern wollen“, schrieb er, aber das gefährde die Museumsinsel. Wer baden wolle, solle lieber an den Schlachtensee fahren oder in den Freibädern von Neukölln oder Kreuzberg bleiben – „der Auftrag der Museen ist es, dafür zu sorgen, dass die Menschen in der Kunst baden wollen“.

          Unterstützung erhält er jetzt durch einen offenen Brief des Berliner Doms. Wenn man ihn liest, wird klar, dass das Ganze mehr ist als ein bloß lokal bedeutsamer Streit. Es geht darum, was in einem Stadtzentrum stattfinden soll: Dürfen auf einer Museumsinsel, in Schinkels Lustgarten, auch halbnackte Bewohner der Stadtteile Neukölln und Kreuzberg mit Badehandtüchern herumlaufen? Darf das Volk unter einem Schloss auf aufblasbaren Krokodilen reiten? Wer darf in diesem Zentrum, dem seit der Wiedervereinigung hohe identitätsstiftende Energien zugesprochen werden, was tun?

          Ein Bad für Plattenbaubewohner, Angestellte, Professoren, Touristen: Die Friedrichsgracht soll ein Fluss-Schwimmbad werden.
          Ein Bad für Plattenbaubewohner, Angestellte, Professoren, Touristen: Die Friedrichsgracht soll ein Fluss-Schwimmbad werden. : Bild: dpa

          Es gibt kaum einen Ort, an dem symbol- und stadtpolitische Projekte so unvermittelt aufeinanderkrachen wie hier: oben ein Schloss, davor eine Wippe, mit der der Wiedervereinigung gedacht werden soll – und darunter ein Flussbad, das von seinen Verfechtern als Ort einer neuen Form von Gemeinschaft gefeiert wird. Über die Wippe kann man nicht sprechen, ohne sich sehr zu schämen für das Niveau, auf das die Denkmalkultur hier mit einem ausgeklügelten Mechanismus abgesenkt wird: Besuchergruppen sollen auf der Wippe von einer Seite zur anderen laufen, wobei sie sich dort senkt, wohin die Menge strömt; dies soll nach dem Willen ihres Erfinders, einer Stuttgarter Eventagentur, erlebbar machen, dass man „gemeinsam etwas bewegen“ kann. Man kann die Symbolik auch dahingehend lesen, dass es immer, wenn zu viele Leute in Deutschland in eine Richtung marschierten, mit dem Land bergab ging, was nicht falsch, aber vielleicht auch nicht das ist, was man von einem Einheitsdenkmal erhofft.

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