https://www.faz.net/-gqz-a917x

Streit um die Gedenkkultur : War der Holocaust eine koloniale Tat?

Zwei Frauen stellen bei einer Solidaritätskundgebung anlässlich des Attentats in Halle an der Neuen Synagoge Berlin Kerzen auf eine Türschwelle. Bild: dpa

Ist die deutsche Art, der eigenen Verbrechen zu gedenken, borniert? Muss die Ermordung der europäischen Juden aus postkolonialer Perspektive betrachtet werden? Über den neuen Historikerstreit.

          7 Min.

          In diesen Tagen wird allseits daran erinnert, dass seit genau 1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland (die Gegend hieß damals Germania inferior) belegt ist – und wer aus diesem Anlass nicht nur Schönes und Besinnliches sagt, sondern daran erinnert, dass vor nur achtzig Jahren dieses Leben ein für allemal ausgelöscht werden sollte, was ein unfassbares, ungeheures, beispielloses und historisch absolut singuläres Verbrechen sei: Der setzt sich damit dem Vorwurf aus, dass das eine bornierte und provinzielle Haltung sei, ein typisch deutscher Sonderweg.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer nämlich den Massenmord an den europäischen Juden nicht nur pflichtgemäß verdamme und verabscheue, sondern aus dieser Schuld der Groß- oder Urgroßväter die Verpflichtung zur unumstößlichen Loyalität und Solidarität gegenüber den Juden und dem Staat Israel ableite: Der mache es sich letztlich bequem in den vertrauten moralischen Verhältnissen. Und vergesse darüber all die anderen Opfer von Rassismus und kolonialer Gewalt, inklusive der Palästinenser in Gaza und dem Westjordanland. Zudem sei das Beharren auf der Einzigartigkeit des deutschen Verbrechens womöglich nur ein Vorwand dafür, den Kontext und die Vorgeschichte zu ignorieren und aus dem Massenmord einen moralischen Betriebsunfall zu machen, ein gewissermaßen ahistorisches Ereignis, das man aus der deutschen Erinnerung und Geschichte gut auslagern kann – als gut gesicherte moralische Bad Bank, in der deutsche Schuld und Erinnerung konserviert werden, aber mit der deutschen Gegenwart, dem deutschen Alltag keine Berührungspunkte mehr haben.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen.

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          F.A.Z. PLUS:

            Sonntagszeitung plus

          F.A.Z. PLUS:

            F.A.Z. digital

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Neue Machtverteilung : Merkel zieht die Notbremse

          Plötzlich ging es ganz schnell. Merkel und Scholz präsentieren eine neue Rollenverteilung in der Corona-Politik und manch anderer sieht plötzlich alt aus.
          Stillstand auch in Frankfurt: Lockdown auf der Zeil

          Gastbeitrag von Roland Koch : Lockdown für immer?

          Individuelle Freiheit, das Recht auf wirtschaftliche Betätigung und auch das Recht zu reisen haben in unserer Verfassung einen Rang, der es verbietet, sie dauerhaft einem Krisenregime des Stillstandes zu unterwerfen.
          Die Statue Justitia mit Waage und verbundenen Augen.

          Standpunkt : Das Bundesverfassungsgericht auf Irrwegen

          Das Grundgesetz weist Deutschland den Weg in ein vereintes Europa, aber wann kommt das Bundesverfassungsgericht endlich mit seiner Rechtsprechung bei den Problemen der Gegenwart und Zukunft an?