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Streit um Energiewende : Die Eroberung der Natur

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Stille? Die gibt es hier bald nicht mehr. Der Weg in die Zukunft spaltet Naturliebhaber und Klimaschützer. Bild: ddp images/Jens-Ulrich Koch

Durch den Thüringer Wald wird eine Stromtrasse gebaut. Sie soll Ökostrom aus dem Norden nach Bayern bringen. So wie hier kollidiert die Energiewende immer öfter mit einer Natur, die sie zu bewahren vorgibt.

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          Die Stille, sie muss groß sein im Thüringer Wald. Der Liedermacher Reinald Grebe spottete einst über das grüne Herz Deutschlands, David Bowie sei immerhin schon mal drüber geflogen. Nichts. Nichts außer Bäumen, sollte das heißen. Meine Großeltern, die nach dem Krieg nach Rostock zogen, stammen von hier. Genauer gesagt aus Großbreitenbach, einem Naherholungsort im Ilmkreis. Die Familie betrieb eine Porzellanmanufaktur, die nach 1933 infolge der Autarkiewirtschaft der Nazis Konkurs ging. Aber sie hatte sich ein Auto der Marke Simson gekauft. Mein Großvater, der das Technikum in Ilmenau besuchte und sein Leben lang im Fahrzeug-, Raketen- und Schiffbau arbeitete, erzählte mir stolz davon. Er vermachte mir ein sepiafarbenes Foto, er und seine Geschwister lachen darauf in die Kamera. Auf der Rückseite steht: „Ostersonntag 1928. Über den Rennsteig“. Man mag sich den Lärm kaum vorstellen, den die aufheulende Maschine an Ostern im Wald produziert haben muss.

          Die Stille: Sie ist seit jeher eine der Projektionen von Natur, die gegenwärtig wieder viel zählt und wie eine Gegenthese zur Beschleunigung und Dynamisierung der Welt herbeizitiert wird. Bereits in Goethes „Ein Gleiches“ finden sich die wohl bekanntesten Verse, die je ein Pennäler auswendig lernen musste: „Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / spürest Du kaum einen Hauch“. Als Goethe sie schrieb, hatte er den Thüringer Wald bei Ilmenau vor Augen, um dort nach eigenen Worten Abstand vom „Wust“ der Stadt zu suchen. Damit ist es nun vorbei. Seit Deutschland mit dem Atomausstieg den Ausbau von erneuerbaren Energien und Stromnetzen betreibt, haben sich die Zeilen restlos überlebt. Der Wald ist ins Zentrum der Frage gerückt, ob die grüne Industrialisierung der Landschaften ihr ursprüngliches Ziel - Klima und Umwelt zu schützen - mittlerweile auf den Kopf stellt. Die Rede ist von der Thüringer Strombrücke. Sie gilt als die strategisch bedeutsamste Stromtrasse mit Bauabschnitten zwischen Sachsen-Anhalt und Bayern. Mit dem fränkischen Grafenrheinfeld, so sieht es der Atomausstiegsplan vor, geht das nächste Kernkraftwerk 2015 vom Netz. Wenn bis dahin keine Ausgleichskapazitäten geschaffen werden, könnte es eng werden. Zumindest regional.

          Widerspruch von Agenda Setting und Realpolitik

          Um die im Nordosten produzierte Windenergie - und, wie Kritiker meinen, auch Braunkohlestrom - in den Süden zu transportieren, soll neben einer Hochspannungsleitung eine hundert Meter breite „waldfreie“ Schneise durch den Thüringer Wald geschlagen werden. Die Kleinstadt Großbreitenbach klagte dagegen aus Angst vor den Folgen für den Tourismus. Sie ging damit bis vor das Bundesverwaltungsgericht. Der Bau ist zwar noch nicht an allen Abschnitten genehmigt. Das Gericht wies die Klage jedoch im Juli ab, mit der Feststellung, dass es um Größeres gehe. So sieht es auch Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig. Die Stromsteuer will er senken und den Netzausbau beschleunigen. Hier kollidieren Privat- und Gemeinwohl, Industriepolitik und Landschaftsschutz.

          Es geht nicht um Bürgerproteste gegen Infrastrukturprojekte im städtischen Raum, die das Wort Partizipation wiederbelebt haben oder um eine neue Soziographie des Zweifelns, in der auch Ingenieure eine tragende Rolle spielen sollen. Es geht um das politische Projekt Nummer eins der amtierenden Regierung und den Widerspruch von Agenda Setting und Realpolitik. Vielleicht ist der Thüringer Fall insofern ein besonderer, als man die Verehrung der Wälder einberechnen muss, die hinter dem Wort „Brücke“ und der Ahnung von etwas Schützenswertem oder Undurchquerbarem unter dem Viadukt aufscheint. Nicht nur in Deutschland war sie schon immer hoch, wie man der schwedischen Schriftstellerin Kerstin Ekman in ihrem monumentalen Buch „Der Wald“ entnehmen kann. Aber gerade hier. Der deutsche Wald, den man literarisch mit Aussteigern und Ausgestoßenen bevölkerte, stand immer als schweigender Beobachter neben der Zeit - nie mittendrin.

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