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Karen Krüger (kkr)

Streit über ein Schulbuch : Brandstifter

  • -Aktualisiert am

Die türkische Presse hat einen neuen Hort angeblicher Ausländerfeindlichkeit entdeckt: Im Arbeitsheft eines Berliner Schulbuchverlags findet sich eine Textpassage der Kinderbuchautorin Kirsten Boie, die nach Ansicht der „Hürriyet“ die Täter des Brandanschlags von Solingen 1993 entschuldigt.

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          Seit der Brandkatastrophe in Ludwigshafen lässt die türkische Boulevardpresse nicht mehr locker: An allen Ecken und Enden der deutschen Gesellschaft wittert sie Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit. Mit viel Wohlwollen konnte man das anfangs noch als emotionale Überreaktion auf ein furchtbares Ereignis entschuldigen, doch nun hat die türkische Presse einen neuen Hort angeblicher Ausländerfeindlichkeit entdeckt: In einem Arbeitsheft, das der Berliner Schulbuchverlag Cornelsen als Begleitmaterial zum Deutschbuch für die siebte Klasse herausgibt, findet sich eine Textpassage der Kinderbuchautorin Kirsten Boie, die nach Ansicht der „Hürriyet“ die Täter des Brandanschlags von Solingen 1993 entschuldigt und stattdessen den Opfern die Schuld daran gibt.

          „Wir haben unser Leben dafür gelassen, dieses Land wieder aufzubauen. Müssen sie uns verbrennen, wenn die Arbeit erledigt ist? In diesem Buch wird den Kindern beigebracht, dass man anderen Menschen mit Hass begegnet“, wird eine Überlebende des Brandanschlags von der „Hürriyet“ zitiert. Der Vorwurf ist aus mehreren Gründen absurd: Jeder, der sich mit den Büchern Kirsten Boies ein wenig beschäftigt hat, kennt ihr Bemühen um Toleranz gegenüber Ausländern und anderen Religionen. Zuletzt hat sie das in ihrem Jugendroman „Alhambra“ bewiesen, der von der Freundschaft zwischen einem christlichen, einem muslimischen und einem jüdischen Jungen handelt. Ebenso ist der Cornelsen Verlag darum bemüht, mit einer gezielten Textauswahl Schüler für die Folgen von Intoleranz zu sensibilisieren.

          So hat er es nicht gewollt

          Worum geht es also in der kritisierten Textpassage, an der bisher weder Schüler noch Lehrer Anstoß genommen haben, obwohl das Arbeitsheft seit Jahren existiert? Das Stück ist ein Ausschnitt aus Kirsten Boies Jugendroman „Erwachsene Reden. Marco hat was getan“, den die Autorin 1995 nach dem Brandanschlag von Solingen veröffentlichte. Der junge Marco versucht darin einen von ihm verübten Brandanschlag, bei dem zwei Kinder ums Leben kamen, vor sich selbst zu rechtfertigen, was ihm schon im ersten Satz – „Marco sagt, so hat er es gar nicht gewollt“ – gründlich misslingt.

          Um den Text dennoch als ausländerfeindlich zu verstehen, müsste man in Marco einen positiven Helden sehen, was – unschwer zu erkennen – die Intention des Textes ins Gegenteil verkehrte. Dass die „Hürriyet“ ihn skandalisiert, zeugt einmal mehr von dem mit Furor ausgebreiteten Unwillen, einen Beitrag zur Integration der Türken in Deutschland zu leisten. Statt zu vermitteln, treibt die türkische Boulevardpresse die von ihr selbst bemängelte Polarisierung mit Macht voran.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

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