https://www.faz.net/-gqz-u9i0

Streit über Ehrenbürgerschaft : Störfall Wolf Biermann

  • -Aktualisiert am

Wenn einer ein Lied von der Hauptstadtkultur singen kann, dann Biermann Bild: dpa

Wird der Dichter Berlins Ehrenbürger? Der rot-rote Senat will das verhindern. Berlin und Biermann, das sind Geschichten voller Liebe und Leid, voller Hohn und Spott, voller Wut und Lust an der Provokation der Regierenden in Ost und West.

          2 Min.

          Seit einigen Monaten ist die Hauptstadtkultur „Chefsache des Senats“. So zumindest ließ es Berlins Regierender Bürgermeister verkünden. Chefsache war die Hauptstadtkultur zu DDR-Zeiten auch. Wenn einer ein Lied davon singen kann, so ist es Wolf Biermann. Berlin und Biermann, das sind Geschichten voller Liebe und Leid, voller Hohn und Spott, voller Wut und Lust an der Provokation der Regierenden in Ost und West. Biermann, der Berliner aus Hamburg, ist ein Ost-Westdeutscher aus Passion.

          Die Regierenden haben das freilich fast immer anders gesehen. Die SED wollte aus dem jungen Westflüchtling Wolf Biermann, der 1953 in ihr Land kam, einen guten DDR-Kommunisten machen. Das Vorhaben mißlang. Der Querkopf aus Hamburg wurde in Ost-Berlin zwar ein aufrechter aber gerade auch deswegen schlechter Kommunist.

          „Ausreichend rechtliche Gründe“ für eine Ausweisung

          Nachdem er bei Helen Weigel am Berliner Ensemble gelernt hatte, wie man Theater macht, gründete er 1961 das „Berliner Arbeiter- und Studententheater“. Mit dem „Berliner Brautgang“, seiner ersten eigenen Inszenierung, wollte er eröffnen. Es ging um den Mauerbau. Politisch nicht korrekt, befand die SED-Zensur. Das Theater wurde geschlossen, ehe es überhaupt seine erste Aufführung erlebt hatte.

          Das Bundesverdienstkreuz für einen Dichter „mit grosser Sprachkraft”

          Wer kein sozialistisches Theater machen kann, durfte selbstverständlich auch nicht Mitglied der SED sein. Am 11. März 1963 erhielt das Zentralkomitee der SED eine Mitteilung von der Grundorganisation Philosophie an der Humboldt-Universität: „Stellungnahme der Parteileitung betr. Streichung des Kandidaten Wolf Biermann“. Die SED-Philosophen erklärten darin, warum sie den jungen Dichter und Philosophiestudenten für unwürdig hielten, der Partei anzugehören und formulierten dabei gleichsam paradigmatisch einen Vorwurf, der Biermann über die kommenden Jahre begleiten sollte. Er verwechsele, meinten die SED-Philosophen, einzelne negative Erscheinungen mit dem guten Wesen des Sozialismus.

          Inspiriert durch die Moskauer Praxis der Verbannung, stellte man im SED-Zentralkomitee schon im Jahr 1966 Überlegungen an, ob man den Querulanten nicht aus der Hauptstadt verschwinden lassen könne. „Für eine Ausweisung Biermanns aus Berlin“ gebe es „ausreichend rechtliche Gründe“, hieß es in einem von SED-Fachreferenten ausgearbeiteten Verfahrensvorschlag. Da Kultur Chefsache war, wurde Erich Honecker als der damals verantwortlichen ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen um seine Zustimmung gebeten. Honecker vermerkte handschriftlich quer über den Kopf der Mitteilung: „Ist nicht zweckmäßig! EH.“

          Dem Dichter verschlug es die Sprache

          Als Wolf Biermann einige Jahre später ein Visum für Polen beantragte, um das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz zu besuchen, erhielt er im Ost-Berliner Polizeipräsidium von einem eigens zu seiner Belehrung abgestellten Polizeioffizier die auswendig gelernte Begründung: „Herr Biermann, Sie sind es nicht würdig die DDR im sozialistischen Ausland zu vertreten“. Auf Biermanns Einwand, er wolle doch in Polen gar nicht die DDR vertreten, sondern lediglich das Konzentrationslager besuchen, in dem man seinen Vater ums Leben gebracht hatte, antwortete der Polizist wiederum mit dem von höherer Stelle vorgeschriebenen Satz: „Herr Biermann, Sie sind es nicht würdig die DDR im sozialistischen Ausland zu vertreten“.

          Da platzte dem Dichter der Kragen und er schrie dem Polizeimann ins Gesicht: „Wissen Sie, als mein Vater 1943 von Hamburg nach Auschwitz gebracht wurde, gab es an der polnischen Grenze kein Visumproblem!“ Nach diesen ungeheuerlichen Worten blickte der Offizier starr über Biermann hinweg und erwiderte. „Sehn Sie Herr Biermann, so haben sich die Zeiten geändert.“ Da verschlug es dem Dichter die Sprache. Er verließ wortlos das Präsidium und weinte bitterlich als er den Alexanderplatz überquerte.

          Wer solcherlei erlebt und den Humor nicht verloren hat, den kann die derzeitigen Posse um die Frage, ob er Ehrenbürger Nr. 115 wird, nicht verhärten. Die Regenbogenfraktionen CDU, Grüne und FDP sind für ihn, die regierende Linkspartei, die am guten Wesen des Sozialismus festhält, dagegen während die SPD - „Chefsache Hauptstadtkultur“ - es für nicht zweckmäßig hält, ihre Koalitionsdisziplin mit der PDS zu brechen. Die Liebesgeschichte zwischen Berlin und Biermann geht trotz alledem weiter.

          Weitere Themen

          Leia spielt Schlüsselrolle Video-Seite öffnen

          „Star Wars IX“ : Leia spielt Schlüsselrolle

          Ihre Rolle als Prinzessin Leia in Star Wars hat sie für ihre Fans unsterblich gemacht: Obwohl Schauspielerin Carrie Fisher seit drei Jahren verstorben ist, spielt sie in „Der Aufstieg Skywalkers“ dank moderner CGI-Technik mit.

          All die wilden Jahre

          Tom Waits wird siebzig : All die wilden Jahre

          Tom Waits bildet mit Bob Dylan und Bruce Springsteen ein Dreigestirn der großen amerikanischen Gegenwarts-Songschreiber. Also wann kommt das große Spätwerk? Ein Glückwunsch zum Siebzigsten.

          Topmeldungen

          Britische Parlamentswahl : Auf Boris!

          Die Tories wollen die Parlamentswahl in alten Labour-Hochburgen gewinnen – vor allem im „Schwarzen Land“ in den West Midlands. Auch weil Parteichef Corbyn so unbeliebt ist, stehen ihre Chancen nicht schlecht.

          Zweiter Weltkrieg : Hemingway im Hürtgenwald

          Der amerikanische Schriftsteller nahm vor 75 Jahren an der grausamen Schlacht bei Aachen teil. Seine traumatischen Erlebnisse im Hürtgenwald brachte er aber nur in Ansätzen zu Papier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.