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Streaming : Im Song nur Mieter

Streaming ist nichts für Plattenliebhaber: Man ruft Kulturprodukte ab, aber man „besitzt“ sie nicht mehr. Bild: Illustration: Kat Menschik

„Streaming“ heißt das Modell, um im Internet mit Inhalten Geld zu verdienen. Damit sollten wir uns endlich von der unbrauchbaren Metapher des „geistigen Eigentums“ verabschieden.

          Es muss Anfang der Achtziger gewesen sein, als ich zum ersten Mal öffentlich gegen das Urheberrecht verstieß. Ich war zwölf, 13, vielleicht 14 Jahre alt, mein Plattenschrank war noch ziemlich leer, und was die Musik betrifft, die ich sonst so hörte, so muss man sagen: Geschmack hatte ich noch wenig. Ich hatte Wünsche. Also rief ich bei Rainer Gerhardt an.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gerhardt war Moderator bei Bayern 3, ein Sender, der zwar auch schon damals einen noch schlimmeren Musikgeschmack hatte als ich, bei Gerhardt aber konnte man das ändern, wenigstens einen Song lang. „Bei Anruf Pop“ hieß seine Sendung, die Hörer machten das Programm, doch anders als es der Titel versprach, konnte man nicht einfach anrufen, beim Mann im Radio: Man musste sich schriftlich bewerben. Und nur wer eine gute Geschichte hatte zu seinem Wunschtitel oder eine Idee, die die Redaktion für lustig hielt, der wurde dann zurückgerufen, live, während der Sendung.

          In meinem Fall wurde es als kreativ genug erachtet, dass ich eine Szene aus einem „Micky Maus“- Heft ausgeschnitten und mit eigenen Sprechblasen versehen hatte. Dafür bekam ich, was ich wollte: Der DJ spielte „Bobby Brown“. Dass ich dabei gleich doppelt die Eigentumsrechte von Künstlern verletzt hatte - die von Walt Disney und, weil ich natürlich den Song auf Kassette aufnahm, auch jene von Frank Zappa -, das interessierte weder mich noch Rainer.

          Einen Song kann man nicht besitzen

          So ungefähr also funktionierte iTunes, damals, bevor es das Internet gab: Was für ein Aufwand. Nun ist es auch nicht mehr ganz neu, dass sich die Praxis der Musikbeschaffung grundlegend geändert hat. 13 Jahre ist es her, dass ein Gespenst namens Napster alles auf den Kopf stellte. An einem hat sich seitdem aber kaum etwas geändert: Noch immer herrscht die Vorstellung, man müsse die Musik, die man gern hört (oder die Filme und Bücher für die eigene Video- und Bibliothek), in irgendeiner Weise auch besitzen. Töne auf Träger bannen.

          Auch die Konsumenten digitaler Musik, vor allem aber ihre Produzenten, orientieren sich im Kern an einer Ökonomie, die, um es mal marxistisch auszudrücken, die Warenform als natürlichen Aggregatzustand kultureller Güter betrachtet. Eine solche Ökonomie koppelt den Genuss von Musik, Büchern, Filmen an die Aneignung eines entsprechenden Artefakts, und sei es auch nur in der digitalen Schwundstufe namens Datei. Bis heute ist dieses Modell auch im Netz nicht nur die Basis für die meisten Geschäftsmodelle, sondern auch für deren so beliebte Negation: Selbst der sogenannte Raubkopierer, der sich die Festplatte volllädt, unterliegt noch dem Glauben, ein Song wäre etwas, was man „haben“ kann. Und muss.

          „Streaming“ nennt sich die Revolution der Musikindustrie

          Wenn aber nicht alles täuscht, beginnt diese Ökonomie gerade, sich aufzulösen. Das neue Paradigma heißt „Streaming“ und funktioniert ein bisschen wie „Bei Anruf Pop“, nur dass man es sich sparen kann, seine Wunschtitel überhaupt noch aufzunehmen: Streamingdienste wie Spotify oder Simfy halten Millionen Songs ständig verfügbar, man kann sie auf dem Rechner hören oder auf dem iPhone, wann, wo, wie immer man will. Streaming ist der am schnellsten wachsende Bereich im digitalen Musikgeschäft, 65 Prozent legte die Branche im vergangenen Jahr zu, 13 Millionen Abonnenten gibt es mittlerweile weltweit, behauptet der soeben erschienene Jahresbericht des internationalen Verbandes IFPI (International Federation of the Phonographic Industry). In Schweden hat der Streamingdienst Spotify bereits die ganze Branche umgekrempelt: Bereits 84 Prozent der digitalen Einnahmen kommen von Kunden eines solchen Musikabos, 85 Prozent der 16- bis 25-Jährigen haben eines. Auch darum hat das Magazin „Forbes“ den Spotify-Gründer Daniel Ek gerade zum „wichtigsten Mann der Musik“ ernannt.

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