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Strategiekonferenz : China muss der Welt Ideen liefern

  • -Aktualisiert am

Wird das Jahr des Drachen 2012 „Gelegenheit zur Reform“ bringen? Bild: dapd

Ohne Identität bleibt der Aufstieg blind: Pekinger Regierungsberater fordern den Staat auf, eine Haltung zu entwickeln, die seiner gewachsenen Bedeutung entspricht.

          4 Min.

          „Taoguang yanghui“ - die eigenen Fähigkeiten verstecken und Zeit gewinnen: Das war Chinas Motto seit seiner Neuerfindung vor dreißig Jahren durch Deng Xiaoping. Davon ist heute keine Rede mehr. Auf der Strategiekonferenz in Peking, zu der die Parteizeitung „Global Times“ knapp sechzig chinesische Regierungsberater, Politikwissenschaftler und Ökonomen geladen hatte, sprach man völlig unverhohlen von Chinas „Aufstieg“ und „Stärke“. „Europa schaut auf China zurzeit mit mulmigen Gefühlen“, sagte ein Redner, der durch vergleichsweise liberale Ansichten auffiel: „Aber es muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass in der Geschichte China fast immer ganz oben stand.“

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dass der rechtmäßige Platz Chinas an der Spitze sei, war die Prämisse aller Disputanten, eine Prämisse freilich, die ihre triumphalistische Phase schon hinter sich hat, wie der sorgenvolle Ton vieler Redner zu erkennen gab. Sie sprachen von ihr eher wie von einer gewissermaßen unvermeidlichen historischen Gesetzmäßigkeit, die jede Menge Probleme mit sich bringe. „Der Zweite hat es immer schwer“, wurde mehr als einmal geklagt, und ein Teilnehmer bemühte eine Analogie aus dem Sport: Wenn der Zweite zum Überholen ansetze, gebrauche der Erste oft seine Ellbogen, um das zu verhindern.

          Die harmonische Weltgesellschaft

          Dem Land, darin war man sich einig, stehen in den nächsten Jahren viele Konflikte bevor, und 2012 werden sich die Umstände verschlechtern. Fragen über Fragen stellten sich den Podien und dem Publikum: Amerika ist so aggressiv - was können wir tun? Wird es einen neuen Kalten Krieg geben? Wird die Ökonomie vom Westen politisiert werden? Wie können wir die Chinesen überall auf der Welt schützen? Wie kann man den Aufstieg stabilisieren? Wie können wir unsere Wirtschaft reformieren? Wird Europa überleben? „2012 wird ein Jahr der Wandlungen sein“, fasste eine temperamentvolle Wirtschaftsfrau mit lauter, sich überschlagender Stimme, zusammen, und deklamierte: „Aber das Wesen darf sich nicht ändern. China muss stark bleiben.“

          Die Frage ist nur: Was soll diese Stärke, von der China nun keinen Hehl mehr macht, überhaupt bedeuten? Welchen Einfluss will und soll das Land langfristig ausüben, wofür steht es in der Welt? Auf diese Frage gibt die offizielle Staatsrhetorik, wenn überhaupt, nur sehr vage Antworten. Das Konzept der „harmonischen Weltgesellschaft“ bleibt, indem es das Prinzip der nationalen Souveränität zum alleinigen Prinzip der internationalen Beziehungen macht, weitgehend im Formalen stecken. Es machte das Besondere der Konferenz aus, dass gleich mehrere Redner diese Leerstelle zum Hauptthema ihrer Beiträge machten.

          China muss der Welt Gedanken liefern

          „Wenn China die Frage nach seiner Identität nicht beantworten kann“, sagte etwa der Politikwissenschaftler Zhang Shengjun von der Beijing Normal University, „bleibt sein Aufstieg blind.“ Die Identität eines Landes bestimme seine Interessen, seine Aktionen, die Art und Weise, wie es Verantwortung übernimmt. Zhang hoffte, dass sich Chinas Entwicklung auf Dauer als eine „Renaissance“ traditioneller Sitten und Gebräuche, wie sie etwa bei dem Philosophen Mozi angelegt sind, erweisen könne.

          Auch He Maochun, der Direktor des Forschungszentrums für Ökonomie und Diplomatie an der Tsinghua-Universität, meinte, die Frage werde bald nicht mehr lauten: Wer ist der Erste in der Welt? Sondern: Wer wird die Probleme besser lösen? Eine große Macht sei auch immer eine Hoffnung für die Welt. Es komme für China darauf an, eine „Haltung“ zu entwickeln, die seiner Bedeutung angemessen ist. Dabei könne es von Amerika durchaus lernen. Amerika habe in der Geschichte den Geist der Freiheit und der Liebe verkörpert.

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