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Strahlungsgefährdung : Die Gefahr kommt aus heißem Reaktorherzen

  • -Aktualisiert am

Strahlenmessung bei Tschernobyl nach dem Supergau Bild: dpa

Japan wird von erhöhter Radioaktivität in der Umwelt heimgesucht, und niemand kann voraussagen, wie weit sie sich ausbreiten wird. Was sagen die kursierenden Strahlungswerte über die gesundheitliche Gefährdung?

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          Finnische Käsemettwurst ist nicht lebenswichtig. Vor Tschernobyl wussten viele noch nicht einmal, dass es eine solche Spezialität gibt. Nach der Katastrophe in der Ukraine aber tauchte sie in einer Liste mit Radioaktivitätswerten teils exotischer Lebensmittel auf. Solche Tabellen kursierten noch Jahre später. Viele Menschen gestalteten ihren Speiseplan nach ihnen. Wenn Käse mit zehn Becquerel pro Kilogramm strahlt, Quark aber nur mit fünf, dann kommt eben Quark auf den Tisch. Zweifel daran, dass die Strahlenangaben von der Liste auch nur das Geringste über die Belastung der aktuell zum Verzehr anstehenden Produkte aussagten, wurden tapfer unterdrückt.

          Von erhöhter Radioaktivität in der Umwelt wird jetzt Japan heimgesucht, und niemand kann voraussagen, wie weit sie sich ausbreiten wird. Aus den angeschlagenen Kernkraftwerken mit ihren glühendheißen atomaren Herzen dürfte noch Wochen oder Monate strahlendes Material dringen. Der „New York Times“ zufolge hat ein Hubschrauber in 60 Kilometer Entfernung radioaktive Partikeln eingesammelt, vermutlich mit Cäsium und Jod. Und wieder stellt sich die bange Frage nach der gesundheitlichen Gefährdung. Von vierhundertfach erhöhten Strahlungswerten war schon kurz nach der ersten Explosion zu hören. Das klingt besorgniserregend. Gleich fühlt man sich an Deutschland nach Tschernobyl erinnert, auch wenn die Katastrophe in Japan zumindest bislang nicht mit dem Inferno in dem sowjetischen Reaktor vergleichbar ist. Leicht wurde damals übersehen, dass das Hundert- oder Tausendfache von sehr wenig nicht sehr viel sein muss.

          Private Strahlenvorsorge

          Rem, Rad, Gray, Sievert, Becquerel – die Menschen sahen sich einem heillosen Wirrwarr von Fachbegriffen ausgesetzt. Mehr oder weniger kompetente Fachleute trugen mit Bemerkungen, in denen unverkennbar die jeweilige politische Gesinnung mitschwang, zum Chaos bei. Besonders die Becquerels, die pro Sekunde auftretenden radioaktiven Zerfälle in den untersuchten Proben, sorgten für panikartige Reaktionen. Die in dieser Maßeinheit angegebenen Werte können sich leicht als beängstigend hohe Zahl präsentieren, ohne dass aber daraus schon auf die gesundheitliche Gefährdung geschlossen werden kann. Nur zögerlich akzeptierten viele Menschen die Tatsache, dass etwas anderes entscheidend ist: die üblicherweise in Milli-Sievert angegebene Strahlendosis, die der Körper abbekommt. Und die war durchweg klein.

          Radioaktivität kann Wissen und Gefühl voneinander spalten. So ertappten sich nach dem Unfall von Tschernobyl auch naturwissenschaftlich beschlagene Menschen dabei, dass sie im Supermarkt nach möglichst alter H-Milch griffen, die mit großer Sicherheit schon vor dem Reaktorunglück abgefüllt worden war. Und dass sie ihren kleinen Kindern die verlockend frischen Erdbeeren der Saison versagten und sie mit matschiger Dosenware abspeisten, gehörte auch zur privaten Strahlenvorsorge. Und natürlich mied man trotz herrlichsten Frühlingswetters den Spielplatz, dessen Sand manche Eltern vor Strahlung fast knistern zu hören glaubten.

          In Kindergärten wurden Schokoladen-Osterhasen im Wert von 50.000 Mark ausgemustert, weil man darin ein paar Becquerel pro Kilogramm entdeckt hatte. Hätte jemand zwei- oder dreihundert solcher Hasen gegessen, hätte er sich eine Strahlendosis im Bereich eingehandelt, dem man normalerweise schon an einem einzigen Tag ausgesetzt ist. Manche Experten kämpften wacker, aber oft unbeholfen gegen den Irrsinn. Natürlich könne man Wildschweinbraten essen, er trage nur Bruchteile zur allgemeinen Dosis bei, war eine der Aussagen. Aber gehört es nicht zu den Grundlagen des Strahlenschutzes, auch eine kleine Dosis zu meiden, wenn das vernünftigerweise möglich ist? Wie vernünftig ist dann der Verzehr von Wildschweinbraten?

          Glaubenskrieg um die Atomkraft

          Nachdem das anfängliche Entsetzen über die Katastrophe von Tschernobyl abgeklungen war, fanden Befürworter der Kernenergie wortreiche Erklärungen. Die Havarie in Tschernobyl rechtfertige keineswegs ein tiefes Misstrauen in die Technik. Im Grunde habe nicht der Reaktor versagt, sondern der Mensch, der unsachgemäß in die Abläufe eingegriffen habe. Die Technik sollte ihr glänzendes Image behalten. Jetzt, in Japan, hat sie ihre Unschuld endgültig verloren. Denn selbst den glühendsten Verehrern dämmert, dass Technik von Menschen gemacht wird. Nichts ist wichtiger für die Sicherheit im Kernkraftwerk als die Kühlung. Und genau die ist ausgefallen, weil der Mensch nicht mit einem derart starken Beben rechnen konnte – oder besser: wollte.

          Bei Bert Brecht versammeln sich 700 Intellektuelle an einem Öltank, um ihn anzubeten. „Herrlich! Herrlich! Herrlich!“, rufen sie beim Anblick des eisernen Ungetüms. Auch die Kernkraft hat trotz ihrer absehbar hässlichen Seiten viele Verehrer gefunden, zumal die Gegner in eine verwaschen-blumige Sprache verfallen, wenn sie ihr Konzept einer sicheren Energieversorgung darlegen sollen. Dann aber Harrisburg, später Tschernobyl und jetzt Fukushima, vielleicht auch Onagawa und Tokai – die Schar der Kernkraftjünger wird dahinschwinden. Anschwellen wird indes die Zahl jener, die in der Kernkraft einen Dämon sehen, den es auszutreiben gilt. Kühles Abwägen von Argumenten ist nicht das, was in Glaubenskriegen zählt.

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