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Strahlenschutz : Im Faradayschen Käfig

  • -Aktualisiert am

Funkstrahlung hindert den französischen Schriftsteller Jean-Yves Cendrey in seiner Berliner Wohnung am Schreiben. Nach dem Umzug ins strahlenfreie Corbusier-Haus schreibt er ein Buch zum Thema.

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          Es gibt mehr Schriftsteller in Berlin als gute Romane über die Stadt. „Honecker 21“ und „Mélancholie vandale“ des französischen Schriftstellers Jean-Yves Cendrey gehören nicht zu den schlechteren. Nach Berlin war er wegen Sarkozy gekommen, nach dessen Wahl zum Präsidenten, zusammen mit seiner Frau Marie NDiaye, die wenig später den Goncourt-Preis bekam und berühmt wurde, sowie den drei Kindern. Seit drei Jahrzehnten ist das Paar zusammen. Von Cendrey hatte Marie NDiaye nach ihrem Erstling den ersten Brief eines Lesers bekommen, sie war achtzehn und wohnte bei der Mutter. Er hatte noch nichts publiziert und eine schlimme Jugend hinter sich. Auch in Deutschland hatte der Sohn eines gewalttätigen und schwer trinkenden Militärs zeitweise gelebt. Mit dem Gesetz war er in Konflikt gekommen.

          Dass er Schriftsteller wurde, hat einiges mit seiner zehn Jahre jüngeren Frau und mit dieser Ehe zu tun. Jahrelang lebten sie in der Normandie. Im Umgang mit einem pädophilen Lehrer, als die feigen Behörden völlig versagten, zeichnete sich Cendrey durch seine Unerschrockenheit und seine Zivilcourage aus. Die Affäre hat sein Leben aufgewühlt und seine Bücher unmittelbar vor den beiden Berlin-Romanen geprägt. Er schrieb an seinem dritten, als er 2012 erkrankte. Kopfweh, Nackenstarre, Schwindel, Schlaflosigkeit; Blutproben und Ultraschalluntersuchungen, aber keine Diagnose. In seinem französischen Landhaus waren die Symptome wie weggeblasen. Es dauerte Monate bis zur Erklärung: Hundert Meter von der Wohnung in Charlottenburg war eine Funkantenne gebaut worden. Es ist der Elektrosmog, der Cendrey krank macht.

          Erleichterung brachte ein Umzug ins Corbusier-Haus im Westend, das wie ein Faradayscher Käfig funktioniert und den Schriftsteller vor den Strahlen schützt. Jean-Yves Cendrey kann wieder schlafen und schreiben: „Man hat mich meiner Freiheit beraubt, ich trauere meinem Roman nach, den ich aufgeben musste, um das Buch über mein Leiden zu schreiben.“ Es ist eine schonungslose Selbstbeobachtung und eine Auseinandersetzung mit unser Internethörigkeit und dem Zynismus der Gegenwart: „Eigentümergemeinschaften akzeptieren auf ihrem Hochhaus Antennen, weil sie direkt darunter vor ihrer Abstrahlung gefeit und nur die Nachbarn betroffen sind.“ Das dissonante Pamphlet aus Berlin erscheint zum Zeitpunkt, da in Frankreich die 4G-Netze in Betrieb genommen werden, es ist das erste Buch eines Schriftstellers zum Thema. Sein Titel: „Schproum“.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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