https://www.faz.net/-gqz-8nsbs

Nach den Wahlen : Die Schlacht ist verloren

  • -Aktualisiert am

In der U-Bahn 14. Straße hat ein Künstler eine Wand zur „Subway Therapy“ erklärt, indem er die Leute aufforderte, ihre Enttäuschung auf kleine Post-its zu schreiben. Bild: AFP

In New York gibt es in diesen Tagen keinen Aufruhr und kaum Proteste. Die Menschen haben die Wahlergebnisse längst hingenommen.

          Der Herbst ist eigentlich die beste Jahreszeit in New York. Bis Mitte November herrschen hier Temperaturen wie im deutschen Spätsommer, die Bäume tragen leuchtend buntes Laub, dazu scheint das klare, strahlende Licht der Ostküste. Dann schlägt ziemlich plötzlich das Wetter um, scharfer eiskalter Wind, Regen, grauer Himmel. Dieses Jahr war das exakt am 9. November. Am Tag nach den Wahlen regnete es aus Eimern, der Himmel war grau, die Temperaturen waren gefallen. In Manhattan, wo knapp neunzig Prozent für Clinton gestimmt hatten, war das wie ein meteorologischer Ausdruck des Schocks und der Niedergeschlagenheit nach der Wahl.

          Ich hatte den Wahlabend bei Kollegen von der New York University verbracht. Wie begossene Pudel saßen wir vor dem Fernseher, während uns klar wurde, dass Trump das Rennen machen würde - und dass wir nicht im Traum mit diesem Ergebnis gerechnet hatten. Natürlich hatten wir gleich unsere Kommentare parat: der „post-faktische“ Wahlkampf, in dem tatsächlich mehr mit Verschwörungstheorien gearbeitet wurde als mit politischen Programmen; die ungebildeten weißen Männer mit geringem Einkommen; und der Brexit als Vorspiel für einen Durchmarsch der rechtslastigen Populisten weltweit. Wir haben viel geredet an dem Abend, aber im Grunde waren wir sprachlos.

          Depression, Ekel, Enttäuschung

          Ähnlich ratlos war in den nächsten Tagen die Stimmung in der Stadt: eine Mischung aus Depression, Ekel, Enttäuschung und Angst. Immerhin passierte etwas Seltsames: Als ich am Mittwoch nach der Wahlnacht in der U-Bahn saß, kam ich spontan mit mehreren Mitfahrern ins Gespräch. Normalerweise hockt man nur müde auf der Sitzbank, starrt aufs Smartphone oder guckt ins Leere. Diesmal hatten die Leute Lust zu reden. Ich fragte einen meiner Nachbarn, ob er das Ergebnis geahnt hätte. Der Mann, ein Afroamerikaner, sagte zu meiner Überraschung: Ja, klar. Wieso? Ich bin aus dem Süden, ich kenn’ die Schwarzen da und die Hispanics. Die haben alle auch Trump gewählt. - Die Hispanics?? Ja, die auch. Das sind Leute, die auf Jobs hoffen und sich scharf von den illegalen Immigranten absetzen. - Guter Punkt. Warum hatten das die vielen Umfragen nicht vorhergesehen? Warum hatte die „New York Times“ noch am Wahltag Donald Trump nicht mehr als eine 14-prozentige Gewinnchance gegeben?

          In der U-Bahn 14. Straße hat ein Künstler eine Wand zur „Subway Therapy“ erklärt, indem er die Leute aufforderte, ihre Enttäuschung auf kleine Post-its zu schreiben. Die Wand mit den bunten Zetteln füllt mittlerweile eine ganze Unterführung und wird nun in anderen Stationen imitiert. Aber warum heißt das „Therapie“? Ist das Phänomen Trump nun zur persönlichen Depression geworden, die wir in kollektiven Kunstprojekten kurieren? „Listen to those who fight“, stand irgendwo auf einem der Zettelchen - aber warum nicht gleich wirklich kämpfen?

          Auf der anderen Seite sind die Diskussionen in den Familien, die Trump- und Clinton-Wähler in sich vereinigen, noch ätzender geworden, wie mir viele Freunde erzählen. Thanksgiving am letzten Donnerstag war da eine echte Herausforderung - und die „New York Times“, die sich durch ihre blindwütig clintonfreundliche Berichterstattung nicht mit Ruhm besudelt hat, riet nun ihren Lesern, politische Themen so gut wie möglich zu umschiffen. Die Hässlichkeit dieses Wahlkampfs hat unglaublich viel Aggressivität in jede Form der politischen Diskussion gebracht, eine Aggressivität, die es ungeheuer schwer macht, mit der anderen Seite auch nur zu reden.

          Eva Horn

          In den Tagen nach der Wahl wartete ich auf einen Aufruhr. Wo, wenn nicht hier in New York? Ich sah schon brennende Autos, Steine und Tränengas in Midtown. Noch am Wahlabend hatte es eine spontane Demonstration vor dem Trump-Tower gegeben, ich hoffte heimlich, dass es jetzt bald richtig krachen würde. Tatsächlich gab es in mehreren Städten Anti-Trump-Proteste. In Portland wurde ein Mann während eines Protestmarschs von einem Autofahrer angeschossen, aber sonst blieb es überraschend ruhig. Am Samstag nach der Wahl fand dann ein großer Marsch vom Union Square nach Midtown statt. Ich sah Schilder mit Slogans wie „Love trumps hate“, „Wake up“, „Dump Trump“, ein paar Hitler-Vergleiche und viele Vertreterinnen von gay rights, pro-choice, Bürgerrechtsgruppen, LGBT, Afroamerikaner, Hispanics. Ich hörte ziemlich viele Sprachen im Demonstrationszug und fragte mich, ob da nicht auch viele Touristen mitmarschierten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klarer Favorit: Boris Johnson

          May-Nachfolge : Johnson tritt gegen Hunt in Stichwahl an

          Die letzten zwei Kandidaten um die Nachfolge Mays sind Boris Johnson und Jeremy Hunt. Nun müssen die Parteimitglieder der konservativen Partei in einer Stichwahl abstimmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.