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Stimmen zum Tod von Peter Rühmkorf : Verslust, ewig

  • -Aktualisiert am

Durs Grünbein Bild: picture-alliance / dpa

Peter Rühmkorf war zu lebendig, um zu sterben, meint der Schriftsteller Durs Grünbein. Seine Munterkeit in Form sprunghaftester Verslust, sein politisches Querfeldeinlaufen, sein Übermut und sein Zartsinn lassen den Gedanken an seine dauerhafte Abwesenheit nicht zu. Er ist nur eben mal tot.

          Man sagt mir, der Dichter Rühmkorf sei letzte Nacht in seinem Haus in Schleswig-Holstein gestorben. Ich glaube das nicht. Ein Mensch gleichen Namens mag wohl dahingegangen sein - das kommt vor, wir können nicht ewig am Leben bleiben, das bekommen wir schon im Kindesalter eingeschärft, und da wir Menschen sind, lernen wir, jederzeit damit zu rechnen.

          Der Dichter Rühmkorf aber kann nicht gestorben sein, dazu war er zeitlebens zu quicklebendig. Diese Munterkeit in Form sprunghaftester Verslust war geradezu ein Markenzeichen des alten Kämpen. Gottfried Benn hat ihn lange genarrt - er war immer schon dort, wo der junge Rühmkorf um die Ecke bog, alle anderen aber hatte er mit seiner Grashüpfertechnik früh abgeschüttelt. In den goldenen Jahren der alten Bundesrepublik war er dann endlich so frei wie ein Jazztrompeter, der aus Übermut in seinen Improvisationen manchmal die Klassiker durchklingen lässt, sogar mit einer gewissen Wehmut, aber jederzeit bereit, sie mit einem einzigen schrillen Ton zu verscheuchen.

          Milder Blick aus den Höhen

          Ein wahrer Springinsfeld, ein freier Geselle - und ein feiner dazu. Nie wäre er einem Andersgleichgesinnten, einem Philharmoniker von der anderen Straßenseite, noch dazu einem Jüngeren, zu nahe getreten. Das Äußerste wäre ein ironisches Zirpen gewesen, ein milder Blick aus den Höhen, den hier schon rein körperlich gegebenen Höhen avancierter Vergeblichkeit. Weggefährten freilich und alte Mitstreiter haben es anders erfahren. Es gehörte zum Temperament dieses Mannes, dass er austeilen konnte.

          Er war ein Satirendichter, jemand, der die moderne Gesellschaft persönlich nahm, so über alle Kulturkritik hinaus grimmig persönlich wie der späte Heine, der beim Auftauchen der Dampflok einen Nachruf schrieb auf das arme Pferd. Das war der Skeptiker Rühmkorf, doch der Erotiker folgte sogleich. Ihm und seinen Triumphen und Niederlagen konnte man noch bis in die höchsten Töne des Alterswerkes folgen. Das Lied der Libido blieb ihm immer erhalten. Die politischen Überdrehungen der Linken dagegen hat er so lange mitgemacht, wie ihm das Karussellfahren Spaß machte, danach ist er einfach abgesprungen und querfeldein gelaufen.

          Allein der Name: Er ist mir immer wie eine gemeinsame Erfindung von Klopstock und Morgenstern erschienen. Zum Rühmen geboren, zum Korfen bestimmt. Das Korfen war eine Spezialform der geistigen Fortbewegung, ein lyrisches Grooven, das als melancholisches Säbelrasseln daherkam, eine versponnene und zugleich hochreflektierte Variante des LmaA (wem die Abkürzung nichts sagt, der muss sich, aus Gründen der Pietät, für diesmal gedulden). Übermut und Entsagung, Zartsinn und Draufgängerei halten sich in den meisten seiner Verse die Waage. Peter Rühmkorf ist nicht gestorben. Er ist nur eben mal tot.

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