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Stimmen zum Tod von Dieter Hildebrandt : Er wollte nicht mäßigen, genau das war seine Qualität

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„Er lieferte die satirische Spiegelung der Geschichte Deutschlands“, sagt Bruno Jonas (links) über seinen ehemaligen „Scheibenwischer“-Kollegen Dieter Hildebrandt Bild: dpa

Er hat das politische Kabarett in Deutschland geprägt wie kein anderer, jetzt ist er im Alter von sechsundachtzig Jahren verstorben: Freunde und Weggefährten erinnern an Dieter Hildebrandt.

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          Jetzt fragen alle, welcher Verlust der Tod von Dieter für das Kabarett bedeutet. Dabei gehen mir einfach Erinnerungen durch den Kopf, wie wir beide miteinander gearbeitet haben und unsere Texte austauschten. Dieter war ein lustiger Mensch. Er blödelte gern und wollte seine Umwelt zum Lachen bringen. Wenn irgendwo eine Pointe herumlag, hat er sie nicht liegen lassen. Nach der Arbeit sind wir in die Kneipe, ein Bier trinken gegangen. Wir haben gut gegessen. Sein Tod macht mich traurig. Wir werden nicht mehr zusammen lachen. Vor eineinhalb Wochen habe ich ihn zu Hause besucht. Er war geistig ganz frisch, er hat Zeitung gelesen und diskutiert. Obwohl er natürlich wusste, wie es um ihn stand, wollte er noch seine Termine Anfang Dezember wahrnehmen. Der Körper hat ihn aber im Stich gelassen. Bei unserem ersten Zusammentreffen hat er mir den Mantel in der Lach und Schieß rausgesucht. Ich war vom Rationaltheater zu ihm herübergeschlendert. Weil die Garderobiere gerade Gläser spülte, dachte er, ich würde auf meinen Mantel warten. Ich wollte aber ihn sehen. Hildebrandt ist für mich der prägende Nachkriegskabarettist. Er hat auf alle Entwicklungen der Bundesrepublik reagiert von den fünfziger Jahren bis heute. Er lieferte die satirische Spiegelung der Geschichte Deutschlands. Dieter steht für das aktuelle Kabarett, für die schnelle Pointe und den Ad-hoc-Kommentar. Er hatte zum Schluss wieder Angst, dass dieses Land wieder zu weit in Richtung Neonazis driften könnte, dass unsere Demokratie ausgehöhlt wird. Dieter hatte noch den Krieg erlebt, ein Jahr als Flakhelfer. Er war für diese Kriegsgeneration ein entscheidender Impulsgeber. Er hat das Fernsehkabarett erfunden mit „Notizen aus der Provinz“ und dem „Scheibenwischer“. Die Quoten von siebzig bis achtzig Prozent bedeuteten nicht nur Zustimmung. Viele haben sich an ihm gerieben. Als Kabarettist war er sicher einmalig. So richtig werde ich erst in Wochen oder Monaten begreifen, dass Dieter nicht mehr da ist, wenn ich mit ihm sprechen will und er einfach nicht antwortet. (Bruno Jonas)

          Richard Rogler

          Ich habe Dieter Hildebrandt persönlich viel zu verdanken. Ich war ein junger Kollege, mit Mitte dreißig, als er auf mich aufmerksam wurde. Er war jemand, der auf andere achtete. Das ist ungewöhnlich in der heutigen Zeit, da sich jeder nur noch um sich selbst kümmert. Dieter Hildebrandt war nicht nur ein hervorragender, urdemokratischer Künstler. Er hatte auch einen wunderbaren Charakter. Dazu kann ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Ich habe mit ihm direkt nach der Wende einen „Scheibenwischer“ gemacht. Der Titel war „Wahnsinn“. Und da ist Folgendes passiert: Wir haben zusammen geschrieben, was auch ungewöhnlich ist, man kann nur mit jemandem gemeinsam schreiben, wenn man sich nicht als Konkurrent versteht. Am nächsten Tag meinte er zu mir: „Ich habe die letzten drei Seiten unseres Textes gelesen. Und ich habe festgestellt: Du hast überhaupt keine Pointe, die habe nur ich. Ich habe die Namen ausgetauscht.“ Das sagt alles über Dieter Hildebrandt. Wir sollten jetzt auch nicht zu traurig sein. Er hätte es am liebsten, wenn wir auch nach seinem Tod intelligent über ihn lachen.

          Bis zum Schluss stand er vor der Kamera: Joachim Fuchsberger bei einem Pressetermin im Jahr 2012 zu dem Film „Die Spätzünder 2“

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