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Mechthild Großmann wird 70 : Die Stimmen-Päpstin

Mechthild Großmann Bild: dpa

Sie spielte bei Peymann und Zadek und war eine feste Größe im Tanztheater von Pina Bausch. Als Staatsanwältin im „Tatort“ aus Münster kennt sie fast jeder, ihre Stimme ohnehin. Mechthild Großmann zum Siebzigsten.

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          „Was machst du? Du singst in Wuppertal Brecht-Lieder im Ballett – das ist nicht dein Ernst.“ Mit diesen Worten hat die in Hamburg ausgebildete Schauspielerin Mechthild Großmann einmal die Reaktionen auf ihr erstes Engagement am Wuppertaler Ballett wiedergegeben. Und tatsächlich war ihre Position dort auf der Bühne – in den frühen siebziger Jahren war Pina Bauschs Tanztheater noch wenig bekannt –, als einzige stimmliche Präsenz in der körperlichsten aller Künste, in gewisser Weise sonderbar. Doch Großmann füllte ihre Rolle, wie in Aufnahmen von damals zu sehen ist, mit der größten Selbstverständlichkeit. „Ich war die Laute“, sagte sie kürzlich in einem Interview, daher habe sie sich mit der leisen Pina Bausch so gut ergänzt – und noch immer bricht ihr die ansonsten unerschütterlich tiefe Stimme weg, wenn sie über die 2009 verstorbene Freundin spricht.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Nach Stationen am Theater in Bremen unter Kurt Hübner und in Stuttgart, wo Claus Peymann sie mit den Worten „Du bist keine Schauspielerin!“ feuerte, war Großmann, die auch mit Fassbinder drehte, über ein Engagement bei Zadek in Bochum ins Ruhrgebiet gekommen. Im Theater hatte sie „Nutten rauf und runter“ und auch mal Männerrollen gespielt, wie sie sagt. Wobei sie all jenen, die sie auf ihre tiefe Stimme reduzieren wollen, die sich schon im Alter von vierzehn Jahren ausgeprägt haben soll, bis heute den Satz entgegenhält: „Brummen ist nicht abendfüllend.“ Am Tanztheater Wuppertal bewies sie nicht zuletzt auch eine Begabung zur Textproduktion für Bauschs Inszenierungen. „Kommen Sie ruhig rein, mein Mann ist im Krieg“, war so ein Bühnen-Satz von ihr, der eine ganze Welt einfängt.

          Eine besondere Vorliebe hat Großmann für Hörbücher, weil sie bei deren Produktion, anders als auf der Bühne, viel selbst entscheiden kann. Sie ist die Stimme von Krimis wie „Leichenraub“, „Blutmahle“ und „Totengrund“ (alle Tess Gerritsen), hat in „Die Päpstin“ nicht nur die Erzählerin, sondern auch den Bischof gesprochen. Und wenn sie Kinderbücher wie „Der Yark“ vorliest, bei dem es sich um ein Wesen handelt, das gerne Kinder frisst, und das Monster allein bei dem Gedanken daran wohlig knurrt, gerät man in eine ganz eigene Phantasiewelt, an deren Existenz Mechthild Großmann nicht den geringsten Zweifel lässt.

          Unter den Klassikern passt zu ihrem unterschwelligen Humor am besten Kafka, dessen „Verwandlung“ und „Hungerkünstler“ sie mit großer Geschmeidigkeit vorträgt. Wie lange sie schon im Geschäft ist, sieht man daran, dass kürzlich eine Aufnahme von Turgenjews „Väter und Söhne“ wieder aufgelegt wurde, in der sie 1974 an der Seite von Siegfried Lowitz, Horst Tappert und Gert Westphal liest.

          Noch so eine treffende Bemerkung von Mechthild Großmann, diesmal über ihr Rollenprofil: „Wenn ich in einer Vorabendserie die Oma spielen und sagen würde: ,Der Tee ist fertig‘, würde jeder denken, der sei vergiftet.“

          Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn ihren skurrilen Rollen verleiht sie eine derart ins Komische kippende Überzeugungskraft, dass sie schon wieder Sympathie und Vertrauen hervorrufen. Das beweist auch ihre Rolle als Staatsanwältin im „Tatort“ aus Münster („Gute Arbeit, Thiel!“). Einen von Großmann angebotenen vergifteten Tee würde man daher wohl tatsächlich trinken, in der Überzeugung, so ernst werde es am Ende schon nicht werden. An diesem Sonntag wird Mechthild Großmann bei bester Stimme siebzig Jahre alt.

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