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Stimmen aus Zypern : Was hier passiert, ist irrsinnig

  • Aktualisiert am

Zypern ist Europa im Kleinformat und wird derzeit immer mehr zu einem Testfall Bild: dpa

Gegenwärtig erleben wir, wie Zypern als Laboratorium für extreme Versuche der Krisenbewältigung dienen muss. Zyprische Künstler und Intellektuelle reflektieren über Aktualität und Ursachen der Krise.

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          HUBERT FAUSTMANN: DAS LAND STEHT AM ABGRUND

          Herr Faustmann, wie ist die Stimmung in Nikosia?

          Miserabel. Die Menschen stehen einerseits unter Schock und sind andererseits sehr wütend. Möglicherweise droht der Bankrott. Bei aller Berechtigung der Forderungen und der Kritik am Wirtschaftsmodell: Man hat Zypern in dieser Form in die EU aufgenommen, und jetzt kommt man mit einer Forderung, die Zypern wirtschaftlich zerstören würde. Das Land steht am Abgrund und kann sich jetzt aussuchen, welchen Tod es sterben möchte.

          Gibt es kein Verständnis für Reformen?

          Das ist die Tragödie bei der ganzen Geschichte: Viele der vorgeschlagenen Maßnahmen, von der Privatisierung halb-staatlicher Organisationen bis zur Kürzung der Gelder im öffentlichen Dienst, haben teilweise großen Rückhalt in der Bevölkerung gefunden.

          Erleben Sie eine Abneigung gegenüber Deutschland?

          An meiner Person nicht. Aber Deutschland wird gleichgesetzt mit der EU und der EZB. So wie es in Deutschland eine Vereinfachung der Diskussion über die zyprische Notlage, russische Oligarchen und die Mafia gegeben hat, so gibt es jetzt eine Zuspitzung der ganzen Maßnahmen auf Deutschland.

          Führt die Krise zu einer Entfremdung im Hinblick auf Europa?

          Das wird kommen, da sich Zypern dem EU-Vorschlag verweigert hat. Die griechischen Zyprer fühlen sich kulturell als Griechen, und es ist Teil des Nationalstolzes, Wiege der westlichen Kultur zu sein. Spätestens seit der britischen Kolonialzeit richtet sich das Land gen Westen. Zypern ist ein viel europäischeres Land als viele andere südeuropäische Länder.

          Europäischer als Griechenland?

          Um Klassen! In Deutschland wird nicht verstanden, dass Zypern und Griechenland zwei Welten sind. Es gibt hier keine Alltagskorruption. Es gibt westeuropäisch geprägte Verwaltungsstrukturen, einen relativ effizienten Staatsapparat und einen der höchsten Akademikeranteile der Welt.

          Hubert Faustmann, 47 Jahre, Assistenzprofessor für Geschichte an der Universität Nikosia und Leiter des dortigen Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung
          Hubert Faustmann, 47 Jahre, Assistenzprofessor für Geschichte an der Universität Nikosia und Leiter des dortigen Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung : Bild: privat

          PANICROS CHRYSANTHOU: WIR MÜSSEN JETZT NACHDENKEN

          Europa, das ist für mich: Toleranz, Versöhnung, der Gedanke von Solidarität und die Überwindung von Arroganz. Für die Menschen im winzigen Staat Zypern, die unter Krieg gelitten haben, bedeutete der EU-Beitritt Sicherheit, die Garantie einer besseren Zukunft. Für mich als Künstler war da auch die Hoffnung auf Reformen: Die Rede von der großen Familie des Kinos war fortan nicht mehr nur Theorie. Jetzt aber bin ich enttäuscht von der von Frau Merkel repräsentierten Politik, die immer unmenschlicher wird. In den Straßen von Nikosia spürt man die Unruhe.

          Die Menschen haben nicht mit dieser Haltung Europas gerechnet. Ich bin nicht demonstrieren gegangen. Die politische Philosophie derer, die dazu aufgerufen haben, ist mir ein bisschen fremd. Diese Krise macht mich traurig und schwach. Ich finde es nutzlos, gegen Herrn Schäuble zu protestieren. Ich denke lieber nach. Ehrlich gesagt, bin ich auf einige von unseren Leuten wütender als auf Herrn Schäuble. Ich sehe zwei Faktoren, die zur aktuellen Lage geführt haben:

          Wir waren rücksichtslos, haben unsere Seele zu schnellem Geld gemacht. Häuser mit Gärten haben wir niedergerissen, Beton an ihre Stelle gebaut. Wir haben einen Staatsapparat voller mittelmäßiger und inkompetenter Menschen entwickelt. Uns fehlt die Logik. Andererseits ist da natürlich auch die neue europäische Politik. Sie ist von Macht und Interessen geleitet. Sie lässt nur Extreme zu. Das ist eine Form von Arroganz, die ihren Preis haben wird. Ich habe lange in Berlin gelebt. Ich schätze die Deutschen als respektvolle, verantwortungsbewusste und ökologisch bewusst lebende Menschen. Ich glaube, dass Frau Merkel und Herr Schäuble den Deutschen genauso wenig guttun wie uns.

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