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Stimmen aus dem Stillstand : Wir kaufen Reis und arbeiten im Garten

  • Aktualisiert am

Leandra Hettenbach wohnt mit ihrem israelischen Freund in Haifa Bild: privat

Wenn die Polizei den eigenen Bewegungsradius trackt, der Job auf dem Spiel steht und die Angst um die Familie einen zerreißt: Überall auf der Welt erleben Menschen gerade ähnliche Nöte. Wir sammeln ihre Berichte.

          5 Min.

          Phnom Penh

          Der erste große Corona-Aufreger in Kambodscha: Die PR-Sternstunde, als Premier Hun Sen das Kreuzfahrschiff einlaufen ließ, das vorher von sämtlichen Ländern abgewiesen wurde. Jetzt haben wir es auch, vermuteten da viele Kambodschaner. Dann wurden die Schulen und Universitäten geschlossen. Die Restaurants blieben geöffnet.

          Ich hielt mich bei meiner Schwester in Heidelberg auf, als die Einreisebeschränkungen verschärft wurden. Menschen mit Wohnsitz in Kambodscha sollten weiterhin einreisen dürfen, aber mit einer zweiwöchigen Quarantäne rechnen. Ich rief bei der kambodschanischen Botschaft in Berlin an, um mehr zu erfahren. Man versicherte mir, ich könne mich zuhause in Quarantäne begeben. Also flog ich. Seltsam, in einem fast leeren Flieger zu sitzen. Bei der Ankunft machten die kambodschanischen Behörden nicht den Eindruck, als nähmen sie die Situation ernst. Nicht einmal Fiebermessen musste ich, und niemand kontrollierte meine Quarantäne.

          Timon Seibel ist Schweizer. Er arbeitet als Sozialarbeiter in Phnom Penh und ist Manager der Metalband Doch Chkae

          Der nächste große Aufreger kam, als Thailand seine Grenzen abriegelte: Die Bilder von massenweise Arbeitsmigranten, die dicht gedrängt in den Zollhallen standen und versuchten, noch das Land zu verlassen, beunruhigten uns sehr. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Phnom Penh auf einem Dorf. Wir besorgten mehrere Säcke Reis, fingen an, im Garten zu arbeiten, und legten einen Zaun für die Hühner an. Die E-Mails von der Schweizer Botschaft mit dem Hinweis, in dieser Woche gehe der letzte Flieger in die Schweiz, tragen nicht zur Beruhigung bei. Die neueste Entwicklung ist nun das verabschiedete Notstandsgesetz, das der Regierung weitreichende Eingriffe erlaubt. Seitdem hören wir viele Gerüchte. Noch ist Phnom Penh nicht abgeriegelt. Gestern noch einmal einkaufen: Auf dem Weg sehe ich vor vielen Häusern die Figuren, wie Heuschrecken sehen sie aus, aufgestellt in einer Reihe. „Hält das die Viren ab?“, frage ich meine Frau. „Das ist es, was sie hoffen“, erwidert sie.

          Haifa, 2. April

          Das erste, was ich morgens nach dem Aufstehen mache: Deutschlandfunk hören. Ich will immer auf dem Laufenden bleiben. Seit einer Woche haben wir hier in Israel eine strikte Ausgangssperre. Maximal 100 Meter darf man sich vom Wohnort entfernen. Wer das nicht einhält, kann eine Strafe in Höhe von umgerechnet 125 Euro bekommen. Mit meinem Hund drehe ich also Runden um unseren Wohnkomplex. Die Straßen in dem sonst sehr belebten Mittelmeer-Städtchen Haifa sind wie ausgestorben.

          Leandra Hettenbach wohnt mit ihrem israelischen Freund in Haifa

          Als Studentin habe ich Glück, meine Universität in Jerusalem hat schon vor drei Wochen, als es in Israel noch kaum registrierte Corona-Fälle gab, das komplette System auf digitale Lehre umgestellt. Ich verbringe meine Tage also vor dem PC. Das gibt immerhin Struktur. In unseren soziologischen Seminaren verknüpfen wir die Theorie zur globalen Krise mit ihren jetzt schon sichtbaren, ganz konkreten Auswirkungen auf Gesellschaften. Das hilft, die Welt in diesen ungewissen Zeiten ein wenig erklärbarer zu machen. Abends sitze ich mit meinem Freund auf dem Sofa und schaue Benjamin Netanyahus Pressekonferenzen, höre von den Zahlen bestätigter Fälle und den neuen Restriktionen. Gerüchte darüber, dass das Militär eingesetzt werden soll zu wollen, verbreiten sich. Meine Lernpausen fülle ich mit Videotelefonaten, um Familie und Freunden nah sein zu können. Einige meiner Freunde leben allein und leiden sehr unter der Einsamkeit.

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