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Stilfragen : Wolfowitz' Weltsocken

  • Aktualisiert am

Herr Wolfowitz spart an der Fußbekleidung Bild: AP

Paul Wolfowitz, der Präsident der Weltbank, hat beim Besuch der berühmten Selimiye-Moschee in Edirne der Welt seine löchrigen Socken präsentiert. Knauserei an der falschen Stelle?

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          Paul Wolfowitz, der Präsident der Weltbank, hat beim Besuch der berühmten Selimiye-Moschee in Edirne zunächst die Türkei und dann die Welt verwundert. Nicht finanzielle Jonglagen waren der Grund dafür, sondern löchrige Socken, die zum Vorschein kamen, als der weltoberste Banker, wie es sich gehört, seine Schuhe vorm Betreten des muslimischen Sakralbaus auszog.

          Dem Respekt der Gastgeber und dem Verlauf des offiziellen Besuchs tat dies, zumal da die Türkei der drittgrößte Kreditnehmer der Weltbank ist, keinen merklichen Abbruch. Zu Zeiten des legendären Bankiers Warburg wäre das nicht vorgekommen. Von ihm nämlich ist die Anekdote überliefert, dass er, hochbetagt, um 1900 noch immer entscheidende Verträge von seiner Unterschrift abhängig machte. So kam es, dass er eines Tages seine sämtlichen Stellvertreter düpierte, als er bei einem Millionentransfer im Angesicht des Vertragspartners in letzter Sekunde sein Signum verweigerte. Seine Begründung, als der empörte Geschäftsmann gegangen war: „Meine Herren, haben Sie sich den Mann genau angesehen? Er trägt zwei verschiedene Socken! Würden Sie mit so jemandem ein riskantes Geschäft wagen?“

          Löchrig und lapprig

          Bei Herrn Wolfowitz waren es nicht einmal verschiedene Socken, sondern die beiden unübersehbar leuchtenden großen Zehen, die durch die Spitze seiner aschgrauen Socken lugten. Doch sie brachten kein Geschäft und erst recht nicht die Welt ins Wanken. Hätten sie aber können: Alles nämlich hätten wir uns vorstellen mögen - dass der Weltbankpräsident oder seine Kollegen schusssichere Westen unter dem Maßanzug trügen, vielleicht auch angegraute statt weißer Westen oder eine kesse Tätowierung unter den perfekt gebügelten Hemden. Aber löchrige und obendrein lappige Socken? Eine große kleine Schlamperei, vielleicht auch Knauserei an der falschen Stelle?

          Gegen diesen Schock hilft nicht einmal jedermanns Wissen, dass heute Socken, egal ob von Armani oder einer Drogeriekette erworben, oft so lausig billig fabriziert sind, dass sie nach dreimaligem Tragen, gelegentlich sogar schon beim ersten, reißen. Wer Herr über die Finanzen der Welt ist, sollte zuerst auch Herr über die eigene Erscheinung sein. Sage niemand, der Mann habe an anderes zu denken. Selbst ein Schiller - nachzuprüfen im Weimarer Schillerhaus - sann und dichtete in sorgfältig und mehrmals gestopften Socken über die Geschicke der Weltmächte. Und für ein makelloses Fußbild des Papstes, der ja bekanntlich sehr weit geschnittene Schuhe und schneeweiße Socken dazu trägt, sorgen mehrere, speziell für die Garderobe zuständige Nonnen. Vielleicht sollte man dem amerikanischen und russischen Präsidenten und überhaupt allen leitenden Staatsmännern und -frauen rund um den Globus nicht nur auf die Finger, sondern öfter auch auf die Füße schauen. Doch würde das nützen? Es gibt ja niemanden mehr mit dem Scharfblick und den Befugnissen des Bankiers Warburg.

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