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Stiftung Weimarer Klassik : Unfriede in Weimar

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Erst war das Vertrauen weg, jetzt ist es wieder da: Thüringens Kultusminister Christoph Matschie (SPD, rechts) mit dem neuen, alten Hellmut Seemann Bild: dpa

Die Stiftung Weimarer Klassik hat einen neuen Präsidenten: Hellmut Seemann wird sein eigener Nachfolger. Der thüringische Kultusminister Matschie hat sich demontiert. Weimar braucht jetzt dringend einen konzeptionellen Neuanfang.

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          Der alte und neue Präsident der Stiftung Weimarer Klassik heißt Hellmut Seemann. Das ist, für sich betrachtet, keine schlechte Nachricht, denn Seemann leitet die Stiftung seit zehn Jahren mit stetig gewachsenem Erfolg. Dass man die gestern von Kulturstaatsminister Bernd Neumann verkündete Erneuerung von Seemanns Vertrag aber auch nicht einfach als gute Nachricht bewerten kann, liegt an der Art, wie sie zustande gekommen ist, nämlich als einzig möglicher Kompromiss am Ende einer beispiellosen Serie von politischen Fehlern. Und vollends überschattet wird sie von dem Umstand, dass der neue Präsident des herausragenden Geisteskosmos, den die zweitgrößte Kulturstiftung Deutschlands darstellt, unter anderen Bedingungen auch Ernst Osterkamp hätte heißen können.

          Nun also hat ebenjener Stiftungsrat, der unter seinem Vorsitzenden Christoph Matschie (SPD) noch im vergangenen Oktober zugestimmt hatte, Seemanns Vertrag Ende Mai auslaufen zu lassen, diesen einstimmig für weitere vier Jahre im Amt bestätigt. Das ist auch eine selbstverschuldete Niederlage für den thüringischen Kultusminister, der einen Wechsel im Spitzenamt der Stiftung seit einiger Zeit mit - offenkundig begrenzter - Macht und ohne jeden Takt hatte erzwingen wollen.

          Vernichtende Kritik von Matschies

          Mehrfach hatte Matschie sich öffentlich vernichtend über Seemanns Arbeit geäußert. Unwidersprochener Hauptkritikpunkt: Der Stiftung fehle es an wissenschaftlicher und intellektueller Strahlkraft. Um Weimar jenseits der thüringischen Platzhirsche und der verlässlichen kaffeetrinkenden Touristenströme auf Goethes Spuren wieder zu einem geistigen Anziehungspunkt zu machen, bedarf es mehr als jene 150 Millionen Euro, die der von Bund, Land und Stadt getragenen Stiftung für die Umsetzung des Masterplans „Kosmos Weimar“ bis 2017 zugesagt sind.

          Er war der Gegenkandidat, obwohl er sich nie aufstellen ließ: Der Literaturwissenschaftler Ernst Osterkamp

          Dieses Großprojekt geht zurück auf ein 2005 erstelltes Gutachten der Strukturkommission, die ein Jahr nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek Alarm schlug und eindringlich vor weiteren „Totalverlusten“ warnte. Diesem vom Wissenschaftsrat bestellten Gremium gehörte auch Ernst Osterkamp von der Humboldt-Universität an, einer der besten Literaturwissenschaftler des Landes, ausgewiesener Kenner der Klassik ebenso wie der neueren Literatur und Lesern dieser Zeitung seit vielen Jahren als Rezensent vertraut.

          Zu keinem Zeitpunkt Bewerber

          Eine so unselig wie peinlich verlaufene Kandidatensuche hätte dennoch ein glückliches Ende nehmen können. Als der Stiftungsrat gestern in Berlin zusammenkam, sollte er zwischen zwei Vorschlägen der Findekommission - und damit zwei unterschiedlichen Ausrichtungen - entscheiden: Osterkamp oder Seemann. Doch dann stand nur noch einer zur Abstimmung: Hellmut Seemann, der sich um seine eigene Nachfolge beworben hatte. Ernst Osterkamp hatte seinen Namen kurz zuvor von der Liste streichen lassen, auf die er selbst sich nie gesetzt hatte. Zu keinem Zeitpunkt sei er Bewerber um das Amt gewesen, erklärte er gegenüber dieser Zeitung.

          An die Einladung der Findekommission habe er zwei Bedingungen geknüpft: keine direkte Konkurrenz zu Seemann und eine zwingende inhaltliche Notwendigkeit für seine Person. Die erste Bedingung wäre nach gezielt gestreuten Indiskretionen und mit einer Kampfabstimmung zwischen ihm und Seemann spektakulär unterlaufen worden, so dass sich die Frage nach der zweiten gar nicht mehr stellte.

          Nicht in der Kleinteiligkeit verlieren

          Was Ernst Osterkamp in Weimar hätte anstoßen, wie sehr er die Internationalisierung der Forschung hätte vorantreiben, welche Weltstadt des Lesens er aus der Puppenstube der Klassik hätte machen können - diese Vorstellungen sind nun müßig. Eine Legitimation des Amts durch das Verfahren, wie sie Osterkamp verwehrt geblieben ist, hat Seemann nun in einem Akt der Wiedergutmachung erfahren. Matschies politische Willkür wurde korrigiert. Nach dem sich über Monate hinziehenden Debakel hat Seemann nun die Chance, konzeptionell neu zu beginnen. Dass er, selbst wenn Matschie sich von nun an im eigenen Interesse mit öffentlichen Einlassungen zurückhält, die Konkurrenz mit Osterkamp, die nicht sein sollte, in den nächsten Jahren spüren wird, ist wohl unvermeidlich.

          Daher darf Seemann jetzt nicht allein auf Kontinuität setzen. Die Stiftung Weimarer Klassik muss aus ihrer Substanz heraus erschlossen und entwickelt werden und darf sich inhaltlich nicht in ihrer eigenen Kleinteiligkeit mit Museen, Schlössern, Gärten, Kunstsammlungen und Archiven verlieren. Die große Institution muss, nachdem sie von der Politik in eine dramatische intellektuelle Schieflage gebracht wurde, zu einer neuen Souveränität finden. Die Notwendigkeit zu einer erkennbaren geistigen Durchdringung und Bündelung ihrer vielfältigen Aktivitäten dürfte auch der für Mai erwartete Bericht des Wissenschaftsrats bekräftigen, der die Stiftung im Herbst turnusgemäß evaluierte.

          Goethe wusste um die Extreme, die sich in der beschaulichen thüringischen Provinz begegnen. „Es lebten bedeutende Menschen hier, die sich nicht miteinander vertrugen; das war das Belebendste aller Verhältnisse, regte an und erhielt jedem seine Freiheit“, schrieb er 1830 an Friedrich von Müller. Belebung, Geist und Freiheit haben sich fürs Erste aus Weimar verflüchtigt; geblieben ist nur, dass sich die Menschen hier nicht miteinander vertragen.

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