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Kinderbücher mit Botschaft : Die Welt, wie sie den Erwachsenen gefällt

  • -Aktualisiert am

Pferde- und affenbesitzende Selbsterzieherin: Pippi Langstrumpf Bild: Allstar/Beta Film

Im Anderssein sind alle gleich: Viele der schönsten Kinderbücher haben ein unkompliziertes Verhältnis zur Moral. Der „Stiftung Lesen“ kommt das verdächtig vor. Eine Liste mit „Büchern gegen Rassismus“ soll helfen.

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          Von Hannah Arendt gibt es den Hinweis, die Gesellschaft verändern zu wollen, müsse bei den Erwachsenen, also in den politischen und anderen Organisationen ansetzen und nicht bei den Kindern, also nicht in der Erziehung. Es sei nachgerade gefährlich, den Schutzraum der Familie früh gegenüber den Konflikten zu öffnen, mit denen die Erwachsenen selbst nicht zu Rande kommen. Die „Stiftung Lesen“ folgt wie viele pädagogisch Bemühte der entgegengesetzten Vorstellung. Sie hat unter dem Titel „Bücher gegen Rassismus“ gerade eine Liste mit Titeln veröffentlicht, denen zugetraut wird, Kindern einen vorurteilsfreien Umgang mit ihresgleichen anderer Hautfarbe nahezulegen. Sie reichen von Bilderbüchern über die amerikanische Bürgerrechtlerin Rosa Parks („ab ca. 4 Jahren“) über Texte, die Sechsjährige dazu bringen sollen, „Stellung zu beziehen“ und „Verantwortung zu übernehmen“, bis zu Romanen über Jugendbanden, in denen „ausgegrenzt“ wird. „Natürlich mit klar erkennbarer Botschaft“, lobt die Stiftung.

          Sofern man weiß, was richtig ist, kann die Botschaft gar nicht klar genug sein. Doch schon die Titel mancher der empfohlenen Bücher legen nahe, wie vertrackt die Sache ist. „Ich bin anders als du – ich bin wie du“ – das hätte auch Shatterhand zu Winnetou sagen können (aber nicht zu Cornel Brinkley), Tom zu Huck und Jim (aber nicht zu Indianer-Joe), oder Pippi zu Annika (aber nicht zu Prusseliese). Denn es ist die allgemeine Formel für den modernen Individualismus. Erstens gerade im Anderssein gleich zu sein; jeder ist anders. Und zweitens nicht auf ein bestimmtes Anderssein mittels Kurzschlüssen aufgrund schlichter Merkmale festgelegt werden zu wollen.

          Inhaltlich und poetisch wenig überzeugend

          Der Mitteilung klar erkennbarer Botschaften für eine Welt, in der solche Ideale auf abweichende Wirklichkeiten treffen, lädt das erhebliche erzählerische Lasten auf. Denn weder darf das Anderssein verfestigt werden (Exotismus), noch darf es insbesondere in der Dimension sozialer Ungleichheit geleugnet werden (erschwindelte Versöhnung). Zu trennen sind außerdem gutes, schlechtes, nur scheinbares, folgenreiches und -loses, selbst- und fremdzugeschriebenes Anderssein. Dieselbe Vielfalt dann noch einmal beim Gleichsein.

          Ein Bilderbuch, das Fünf- oder Achtjährigen zu erläutern hätte, Gleiches solle – zumindest im Recht, womöglich aber auch sonst – gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden, könnte anstrengend wirken. Und Jugendromane, in denen die Tatsache, dass Rassismus immer böse ist, zur Erzählkonsequenz führte, dass seine Opfer immer gute Menschen sind, wären weder von der Botschaft her gesehen noch poetisch überzeugend. Wenn viele der schönsten, oder sagen wir: der berühmtesten Kinderbücher sich durch ein ganz unkompliziertes Verhältnis zur Moral auszeichnen, hängt das vielleicht damit zusammen. Sie stellten sich Aufgaben, die sie mittels Bären von geringem Verstand, Wolfskindern, pferdebesitzenden Selbsterzieherinnen, Kröterichen und Scheinriesen lösen konnten. Es waren nicht die Aufgaben der Erwachsenen.

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