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Stiertreiben von Pamplona : Der Tod hat seinen festen Platz

Sein letzter Kampf: Daniel Jimeno Romero gegen den Stier „Capuchino” Bild: AFP

Am Freitagmorgen starb Daniel Jimeno Romero, nachdem ihm beim Stiertreiben von Pamplona ein Tier sein Horn in den Hals gestoßen hatte. Er ist das das fünfzehnte Todesopfer der „Sanfermines“. In Spanien bietet das keinen Anlass zu Wehklagen.

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          Am Freitagmorgen starb Daniel Jimeno Romero, siebenundzwanzig Jahre alt, nachdem ihm beim Stiertreiben von Pamplona das gefährlichste Tier des Tages, „Capuchino“, sein Horn in den Hals gestoßen hatte. Ein Videoamateur hat die Szene in einem zwanzig Sekunden langen Film festgehalten. Jimeno Romero ist das fünfzehnte Todesopfer der „Sanfermines“ von Pamplona in den letzten neunzig Jahren. Das erste beschrieb Ernest Hemingway in seinem Roman „Fiesta“ (1924).

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Der Mann, der mehr zur Popularisierung des traditionellen encierro in Nordspanien beigetragen hat als irgendjemand sonst, schildert eine Szene, in der bei Enge, Unübersichtlichkeit und einer viel zu großen Stierläuferschar ein einzelner Stier plötzlich nach vorn schießt, einen Mann am Rücken erwischt und ihn mit den Hörnern in die Höhe hebt. All das ist eine Sache von wenigen Sekunden. „Der durchbohrte Mann lag mit dem Gesicht in dem zertrampelten Schlamm“, heißt es im Roman. „Leute kletterten über den Zaun, und ich konnte den Mann nicht mehr sehen, weil das Gewühl um ihn herum zu groß war.“

          Unberechenbar sind nicht nur die Stiere

          Stiertreiben gibt es in Spanien, solange es Stierkämpfe gibt. Da die Tiere vom Korral zur Arena gebracht werden mussten, entwickelte sich eine eigenständige Form, bei der die Stiere, begleitet von abgerichteten Leitochsen, über einen festgelegten Parcours getrieben wurden. Bis vor wenigen Jahren durften die Stiere in manchen Teilen Spaniens unter Begleitung von Reitern auch von der Zuchtfarm bis zum Korral viele Kilometer über Land gebracht werden; erst Ausbrüche und schwere Verletzungen unter der örtlichen Bevölkerung beendeten diese jahrhundertealte Tradition.

          Spanien : Stierhatz in Pamplona beginnt

          Unberechenbar sind nicht nur die Stiere, sondern vor allem die Schaulustigen, Wagemutigen und Tollkühnen. Neben den gestandenen mozos, die hochkonzentriert auf jene kostbaren paar Sekunden hinarbeiten, in denen sie dicht vor den Hörnern des Stiers die Straße hinunterlaufen, gibt es die unüberschaubare Menge jener, die sich von den tumultösen Ereignissen überraschen lassen. Zu schweigen von Touristen, die in alkoholisiertem Zustand rennen und teuer dafür bezahlen. José María de Cossío, Verfasser des monumentalen kulturgeschichtlichen Werks „Los toros“, erwähnt, dass eine Stadt im späten sechzehnten Jahrhundert extra zwei Stiere für das Volk durch die Straßen laufen ließ, damit das Stiertreiben an anderem Ort ungehindert über die Bühne gehen konnte. Seit 1610 ist eine Verordnung belegt, die den Gebrauch von Pferden beim Treiben der Stiere in die Arena verbietet. Mit anderen Worten: Beim encierro riskiert der rennende, unbewaffnete Mensch sein Leben.

          „Das war Pech“

          Damit hat der Stierläufer teil an einem Ritual, das auch die Toreros motiviert: sich am Kampfstier zu messen und, um es mit einer Formulierung der schottischen Schriftstellerin A. L. Kennedy zu sagen, „den Tod zu kontrollieren“. Kennedys Buch über den Stierkampf erkennt neben dem Rohen und Barbarischen, das ein Teil der Öffentlichkeit darin sieht, auch das Unerhörte der Corrida. Es argumentiert, dass es in der Arena um eine Auseinandersetzung mit dem Skandalon des Todes geht. Denn der Tod - nicht nur der des Tieres, sondern eben auch der des Menschen - ist innerhalb der Ordnung, die der Stierkampf aufstellt, eine jederzeit akzeptierte Möglichkeit.

          Weil dieses Schicksal alle treffen kann, wird kein großes Wesen darum gemacht. „Habe gerade von der Sache gelesen“, schrieb ein Kommentator auf der Internetseite einer spanischen Zeitung über den in Pamplona getöteten jungen Mann. „Das war Pech.“ (Siehe auch den Medienüberblick in Paul Ingendaays Blog „Sanchos Esel”) Die lapidare Formulierung, die uns brutal und herzlos erscheinen mag, teilt genau jenes Maß Anteilnahme aus, die im spanischen Kampfstieruniversum für solche Fälle vorgesehen ist. Man nimmt den Tod zur Kenntnis, weil er einen Menschen betrifft, man vermeldet ihn und beschreibt ihn in der korrekten Form.

          Diese Debatte gehört zum heutigen Spanien

          Doch er bietet keinerlei Anlass zu Wehklagen (das überlässt man den Angehörigen), rührseligen Reflexionen oder grundsätzlichen Überlegungen zum Fortbestand der Fiesta. In jenem spanischen Denken, das sich weniger um den Stierkampf als um den Kampfstier dreht, hat der Tod des Menschen seinen festen Platz. Entsprechend erscheint in kaum einer Tageszeitung ein Leitartikel, der die Abschaffung der Corrida fordern würde. Da die Zeitungen sich als Spiegel der Gesellschaft begreifen, berichten sie über den Tod Daniel Jimeno Romeros mit größer Nüchternheit.

          Etwas anderes zeigt sich im Internet. Viele tausend Kommentare, in denen von Perversion, sarkastischem Spektakel oder Tier- und Menschenquälerei die Rede ist, belegen, dass die spanische Gesellschaft erregt über Sinn oder Unsinn des Stierkampfs diskutiert. Diese Debatte gehört zum heutigen Spanien. Sie kennt keinen Moderator. Und sie wird auf absehbare Zeit nicht aufhören.

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