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Stierkampf : Ein Kult aus Blut und Empfindsamkeit

Fernando Roleno am 11. Juli 2003 in Pamplona Bild: EPA

Wer öfter zum Stierkampf geht, verliert die Fähigkeit, die Grausamkeit des Schauspiels moralisch zu bewerten. Der Stierkampf spaltet die Beobachter in zwei Lager: Freunde und Gegner leben auf verschiedenen Planeten.

          Bei einem gewöhnlichen Stierkampf stehen drei Toreros und sechs Stiere auf dem Programm. Der erste Torero kämpft gegen den ersten und vierten Stier, der zweite gegen den zweiten und fünften, der dritte Torero gegen den dritten und sechsten Stier. Das Ganze dauert, alle Unwägbarkeiten eingerechnet, gut zwei Stunden.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Anders als man vermuten könnte, sind die Geräusche bei der corrida de toros der stärkste Sinnesschock. Der Stier prescht in die Arena, bremst ab, schaut sich sabbernd um und rennt weiter. Wohin er sich dann wendet, diese Frage füllt die ersten Sekunden der Corrida. Vielleicht kracht er mit den Hörnern gegen die Bande, daß die Splitter fliegen. Oder er schnaubt, scharrt mit den Hufen und läßt Wasser.

          Schlagen, Scheuern, Scharren

          Kurz darauf jedenfalls rammt er das Pferd, auf dessen Rücken mit gestreckter Lanze der Picador wartet. All das sind sehr laute, insistierende Geräusche: Schlagen, Scheuern, Scharren, Stöhnen, Ächzen, dazu vereinzelte Rufe aus dem Publikum. Auch der Matador schreit; er gibt dem Stier Kommandos. Wenn ein Teil des Kampfes vorüber ist und der nächste beginnt (es sind drei), ertönen Fanfaren.

          Vor ein paar Tagen, bei der "Feria de San Isidro" in der Madrider Arena Las Ventas, nahm der erste Stier des Abends alles aufs Korn, was sich bewegte. Den Picador und sein Pferd, beide zusammen, warf er um wie Plastikfigürchen. Das Pferd, das ein dickes Schutzpolster trägt und die Augen verbunden hat, kommt meistens wieder auf die Beine. Auch der Picador (dessen Füße und Schienbeine mit Stahl gepanzert sind) steigt in den Sattel und macht weiter. Seine Aufgabe besteht darin, dem Stier die Spitze seiner Lanze in den Rücken zu bohren, ihn zu schwächen, damit er besser mitspielt. Erfüllt der Picador diese Aufgabe mit Umsicht, wird er mit Beifall verabschiedet. Übertreibt er es, wird er ausgepfiffen.

          Ein verbissener Zug um die Mundwinkel

          Fernando Roleno am 11. Juli 2003 in Pamplona Bilderstrecke

          Daß jederzeit alles passieren kann, ist der fatalistische Anteil der corrida de toros. Er ist so hoch, daß selbst die jüngsten Toreros einen verbissenen Zug um die Mundwinkel haben und ziemlich schnell altern. Der Gedanke an den Zufallsfaktor bei einem ständig wiederholten Todesspiel müßte einen wahnsinnig machen. Denn wenn es das Gegenteil einer berechenbaren Tätigkeit gibt, dann den Stierkampf. Der beste Matador kann gegen einen schlechten Stier nicht glänzen. Und auch der faulste, langsamste Stier kann einem Torero das Bein oder die Brust aufschlitzen.

          Bei der diesjährigen "Feria de San Isidro" von Madrid waren die Stiere miserabel, vor allem während der ersten Hälfte der vierwöchigen Veranstaltung. Daß die Stiere immer schlechter werden, gehört zur Dekadenzrhetorik, die in der Stierkampfrezension (zu finden im Kulturteil spanischer Zeitungen) ihr wahres Zuhause hat. Früher, so lautet der Refrain, gab es noch richtige Stiere. Heute nur noch die Raffgier der Züchter und die unwürdige Show der Toreros. Wir Laien können das schlecht beurteilen. Es könnte einen allerdings stutzig machen, daß schon Hemingway, vor mehr als sechzig Jahren, den Verfall der spanischen Stierkampfkultur beklagt hat.

          Kein Stier, sondern ein Esel

          Was haben wir in den letzten Wochen für Beschimpfungen gelesen! Dieser oder jener Stier stolpere über seine eigenen Beine. Er sei eine Kuh, ein Esel, ein Vögelchen. Er sei "koffeinfrei". Und so weiter. Es heißt, in Las Ventas achtet das Publikum auf den Stier, in der Maestranza von Sevilla auf den Stierkämpfer.

          Ist der Stier "gut" - das heißt, spielt er bei der faena, dem Schlußteil der Corrida, richtig mit, läßt er sich "erziehen" und bändigen, ohne seinen Kampfeswillen einzubüßen, trägt er also mit maximaler Kooperationsbereitschaft zum mystischen Bund mit dem Matador und zu seinem eigenen stilvollen Ableben bei -, dann wird seine Leiche nicht einfach aus der Arena geschleift, sondern darf zuvor eine Ehrenrunde drehen. Bei außergewöhnlicher Tapferkeit, so die Theorie, kann ein guter Stier sogar begnadigt werden, also mit dem Leben davonkommen und glückliche Nachfahren zeugen. Aber das ist in Las Ventas zuletzt 1981 passiert.

          Untaugliche müssen zum Schlachter

          Der umgekehrte Fall tritt viel häufiger ein: Ein Stier (die Kuh, der Esel, das Vögelchen) wird wegen Untauglichkeit zurückgewiesen. Dazu hebt der Präsident in seiner Loge ein grünes Taschentuch. Dann werden einige Stierdamen in die Arena getrieben, und nach wenigen Minuten zieht die Horde friedlich hinaus. Vorteilhaft ist aber auch das nicht. Der Stier, ein Fünfhundert-Kilo-Kamerad, ist sechs Jahre alt und in Las Ventas zurückgewiesen worden. Was kann da im Leben noch kommen? Nicht mehr viel außer dem Hammer des Schlachters.

          Jetzt zu einem sonderbaren Eindruck. Wer öfter zum Stierkampf geht, verliert die Fähigkeit, die Grausamkeit des Schauspiels moralisch zu bewerten. Als gäbe es im menschlichen Gemüt getrennte Abteilungen, die nicht miteinander kommunizieren. Tatsächlich gibt es wohl zwei Typen von Menschen: Die einen wenden sich schaudernd oder angewidert ab (und weigern sich, je wieder eine Arena zu betreten), die anderen dagegen versenken sich gebannt in das Geschehen. Friedliebende Leute, die weder Frauen noch Kinder schlagen und, wie man so sagt, keiner Fliege etwas zuleide tun würden, sind der corrida de toros verfallen, bereit, sie in Wort und Tat und mit überaus komplexen kulturhistorischen Begründungen zu verteidigen.

          Uralte Wurzeln

          Die Substanz des Stierkampfs ist ja weder mit "Kampf" oder "Sport" noch mit "Kunst" oder "Ritual" ausreichend beschrieben. Was dort auf dem gelben Sand abläuft, hat uralte mythisch-religiöse Wurzeln und hohe zirzensische Qualität; es bietet eine mächtige Metapher für das Leben selbst (jeden kann es erwischen, doch Stil kann dabei nicht schaden), es enthält viel soziale Symbolik (wenigstens hier steigen arme andalusische Landburschen zu Stars auf) und strahlt eine eigentümliche sexuelle Ambiguität aus, weil sich das spanische Ideal männlichen Verhaltens ausgerechnet in glitzernder, femininer, knalleng sitzender Kleidung verwirklicht.

          Zur Sache selbst gehört, daß alles, was in der Arena geschieht, seine Regeln und Traditionen hat. Dieses Korsett gibt dem Kampf einen ästhetischen Rahmen und entfernt ihn zugleich vom Spektakel. Es macht das Publikum ernst, anspruchsvoll, unfrivol. Und es verwandelt die Tauromachie in ein Studiengebiet. Was die Augen der Nichtexperten als sensationell empfinden, ist es meistens nicht. Und worin sie Grausamkeit oder Tierquälerei sehen, das gehört für den aficionado zum ewigen Regelbuch, ist also keiner Erwähnung und noch weniger einer moralischen Verdammung wert. Den Stier mit Achtung zu behandeln, den er gleich blutüberströmt zusammensinken sehen wird, darin liegt für den Anhänger der Corrida kein Widerspruch.

          Verletzungen sind Nebensache

          Neben dem feierlichen Tod des Stiers sind die Leiden oder auch spektakulären Verletzungen des Matadors Nebensache, sie gehören ebensowenig in den Mittelpunkt wie Ironie oder Schauspielerei. Zwar sitzen in der Madrider Arena fünf Chirurgen, ein Hämatologe, zwei Anästhesisten und eine Handvoll Sanitäter, aber jeder Verletzte wird so diskret, ohne Mitleid oder Pathos, aus der Arena verabschiedet, daß die Zeremonie keinen Schaden nimmt. Das knappe ärztliche Bulletin zu den Verletzungen informiert später über drei Dinge: Welcher Körperteil ist betroffen? Wie viele Zentimeter Länge hat die Wunde? Und ist sie leicht, weniger schwer, schwer oder sehr schwer?

          Vergangene Woche wurde der junge Torero Sebastian Castella vom Stier bei der faena in die Höhe gehoben, stürzte zu Boden und lag einige prekäre Sekunden lang direkt unter den gewaltigen Hörnern, die sich links und rechts neben dem Kopf des Toreros in den Sand bohrten, während Castella sich in einer merkwürdigen Geste die muleta, das rote Tuch, über das Gesicht zog. Dann rollte er sich auf den Bauch und bedeckte mit den Händen seinen Hinterkopf. Er war dem Stier ausgeliefert, und er wußte es genau.

          Durchs Überleben tollkühn geworden

          Es grenzte an ein Wunder, daß er ein paar Sekunden später wieder auf den Füßen stand und, aus einer Achselwunde blutend, den Kampf zu Ende brachte. Was aber dann geschah, gefiel dem Publikum gar nicht: Der Matador, durch sein Überleben tollkühn geworden, wurde arrogant. Er provozierte den Stier und forderte eine weitere Verletzung heraus. Das Publikum ließ Castella spüren, daß es ihm, dem Matador, an Klasse und Charakter fehlte, die auch der Mut nicht ersetzen kann.

          So streng die Innenwelt der Tauromachie geordnet zu sein scheint, so unübersehbar ist sie in den letzten Monaten unter Druck geraten. Der Widerstand der Tierschützer ist zwar nichts Neues, und manche Schriftsteller schreiben jährlich ihren Anti-Stierkampf-Artikel; neu aber ist, daß im April mit Barcelona gleich eine ganze Stadt die Corrida offiziell verboten hat. Die Gesetzesnovelle überholte eine Tierschutzbestimmung aus dem Jahr 1988, die zwar öffentliche Schauspiele, bei denen Tiere leiden müssen, untersagte, den Stierkampf aber davon ausnahm. Sollte sich dieses Verbot auf ganz Katalonien ausdehnen, dann hätte vielleicht auch eine EU-Initiative gegen die Tauromachie gewisse Erfolgsaussichten.

          Stierkampffreund Vargas Llosa

          Angesichts dieser Gefahr hat der Schriftsteller Mario Vargas Llosa in "El País" ein Plädoyer für den Stierkampf veröffentlicht. Der Essay ist schön, schwungvoll, einseitig und blind; Argumente ersetzt er durch Schwärmerei. An einer Stelle schreibt Vargas Llosa, ohne den Stierkampf seien die Werke García Lorcas, Hemingways, Goyas und Picassos bedeutungslos. Das ist natürlich Unsinn. Dann müßten wir auch die Toten des Spanischen Bürgerkriegs gutheißen, nur damit wir "Wem die Stunde schlägt" lesen können.

          Auch die scheinkonsequente Haltung, wer den Stierkampf ablehne, dürfe keine Pastete mehr essen, greift zu kurz. Wer sich moralisch davon angewidert fühlt, wenn Stiere in einem öffentlichen Ritual gequält und zu Tode gebracht werden, der wird den Satz Vargas Llosas, die Tauromachie sei ein "amouröser, empfindsamer Kult, der den Stier zum König erhebt", vor allem zynisch finden.

          Die schlichte Wahrheit ist, daß Stierkampffreunde und -gegner auf verschiedenen Planeten leben. Ihre Argumente überzeugen nur das eigene Lager, gerade die, die nicht mehr überzeugt werden müssen. Bisher hat die spanische Gesellschaft, von Barcelona abgesehen, in dieser Frage noch nicht eingegriffen. Aber daß sie es irgendwann tut, ist heute leichter vorstellbar als früher.

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