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Stierkampf : Ein Kult aus Blut und Empfindsamkeit

Neben dem feierlichen Tod des Stiers sind die Leiden oder auch spektakulären Verletzungen des Matadors Nebensache, sie gehören ebensowenig in den Mittelpunkt wie Ironie oder Schauspielerei. Zwar sitzen in der Madrider Arena fünf Chirurgen, ein Hämatologe, zwei Anästhesisten und eine Handvoll Sanitäter, aber jeder Verletzte wird so diskret, ohne Mitleid oder Pathos, aus der Arena verabschiedet, daß die Zeremonie keinen Schaden nimmt. Das knappe ärztliche Bulletin zu den Verletzungen informiert später über drei Dinge: Welcher Körperteil ist betroffen? Wie viele Zentimeter Länge hat die Wunde? Und ist sie leicht, weniger schwer, schwer oder sehr schwer?

Vergangene Woche wurde der junge Torero Sebastian Castella vom Stier bei der faena in die Höhe gehoben, stürzte zu Boden und lag einige prekäre Sekunden lang direkt unter den gewaltigen Hörnern, die sich links und rechts neben dem Kopf des Toreros in den Sand bohrten, während Castella sich in einer merkwürdigen Geste die muleta, das rote Tuch, über das Gesicht zog. Dann rollte er sich auf den Bauch und bedeckte mit den Händen seinen Hinterkopf. Er war dem Stier ausgeliefert, und er wußte es genau.

Durchs Überleben tollkühn geworden

Es grenzte an ein Wunder, daß er ein paar Sekunden später wieder auf den Füßen stand und, aus einer Achselwunde blutend, den Kampf zu Ende brachte. Was aber dann geschah, gefiel dem Publikum gar nicht: Der Matador, durch sein Überleben tollkühn geworden, wurde arrogant. Er provozierte den Stier und forderte eine weitere Verletzung heraus. Das Publikum ließ Castella spüren, daß es ihm, dem Matador, an Klasse und Charakter fehlte, die auch der Mut nicht ersetzen kann.

So streng die Innenwelt der Tauromachie geordnet zu sein scheint, so unübersehbar ist sie in den letzten Monaten unter Druck geraten. Der Widerstand der Tierschützer ist zwar nichts Neues, und manche Schriftsteller schreiben jährlich ihren Anti-Stierkampf-Artikel; neu aber ist, daß im April mit Barcelona gleich eine ganze Stadt die Corrida offiziell verboten hat. Die Gesetzesnovelle überholte eine Tierschutzbestimmung aus dem Jahr 1988, die zwar öffentliche Schauspiele, bei denen Tiere leiden müssen, untersagte, den Stierkampf aber davon ausnahm. Sollte sich dieses Verbot auf ganz Katalonien ausdehnen, dann hätte vielleicht auch eine EU-Initiative gegen die Tauromachie gewisse Erfolgsaussichten.

Stierkampffreund Vargas Llosa

Angesichts dieser Gefahr hat der Schriftsteller Mario Vargas Llosa in "El País" ein Plädoyer für den Stierkampf veröffentlicht. Der Essay ist schön, schwungvoll, einseitig und blind; Argumente ersetzt er durch Schwärmerei. An einer Stelle schreibt Vargas Llosa, ohne den Stierkampf seien die Werke García Lorcas, Hemingways, Goyas und Picassos bedeutungslos. Das ist natürlich Unsinn. Dann müßten wir auch die Toten des Spanischen Bürgerkriegs gutheißen, nur damit wir "Wem die Stunde schlägt" lesen können.

Auch die scheinkonsequente Haltung, wer den Stierkampf ablehne, dürfe keine Pastete mehr essen, greift zu kurz. Wer sich moralisch davon angewidert fühlt, wenn Stiere in einem öffentlichen Ritual gequält und zu Tode gebracht werden, der wird den Satz Vargas Llosas, die Tauromachie sei ein "amouröser, empfindsamer Kult, der den Stier zum König erhebt", vor allem zynisch finden.

Die schlichte Wahrheit ist, daß Stierkampffreunde und -gegner auf verschiedenen Planeten leben. Ihre Argumente überzeugen nur das eigene Lager, gerade die, die nicht mehr überzeugt werden müssen. Bisher hat die spanische Gesellschaft, von Barcelona abgesehen, in dieser Frage noch nicht eingegriffen. Aber daß sie es irgendwann tut, ist heute leichter vorstellbar als früher.

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