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Stierkampf : Ein Kult aus Blut und Empfindsamkeit

Ist der Stier "gut" - das heißt, spielt er bei der faena, dem Schlußteil der Corrida, richtig mit, läßt er sich "erziehen" und bändigen, ohne seinen Kampfeswillen einzubüßen, trägt er also mit maximaler Kooperationsbereitschaft zum mystischen Bund mit dem Matador und zu seinem eigenen stilvollen Ableben bei -, dann wird seine Leiche nicht einfach aus der Arena geschleift, sondern darf zuvor eine Ehrenrunde drehen. Bei außergewöhnlicher Tapferkeit, so die Theorie, kann ein guter Stier sogar begnadigt werden, also mit dem Leben davonkommen und glückliche Nachfahren zeugen. Aber das ist in Las Ventas zuletzt 1981 passiert.

Untaugliche müssen zum Schlachter

Der umgekehrte Fall tritt viel häufiger ein: Ein Stier (die Kuh, der Esel, das Vögelchen) wird wegen Untauglichkeit zurückgewiesen. Dazu hebt der Präsident in seiner Loge ein grünes Taschentuch. Dann werden einige Stierdamen in die Arena getrieben, und nach wenigen Minuten zieht die Horde friedlich hinaus. Vorteilhaft ist aber auch das nicht. Der Stier, ein Fünfhundert-Kilo-Kamerad, ist sechs Jahre alt und in Las Ventas zurückgewiesen worden. Was kann da im Leben noch kommen? Nicht mehr viel außer dem Hammer des Schlachters.

Jetzt zu einem sonderbaren Eindruck. Wer öfter zum Stierkampf geht, verliert die Fähigkeit, die Grausamkeit des Schauspiels moralisch zu bewerten. Als gäbe es im menschlichen Gemüt getrennte Abteilungen, die nicht miteinander kommunizieren. Tatsächlich gibt es wohl zwei Typen von Menschen: Die einen wenden sich schaudernd oder angewidert ab (und weigern sich, je wieder eine Arena zu betreten), die anderen dagegen versenken sich gebannt in das Geschehen. Friedliebende Leute, die weder Frauen noch Kinder schlagen und, wie man so sagt, keiner Fliege etwas zuleide tun würden, sind der corrida de toros verfallen, bereit, sie in Wort und Tat und mit überaus komplexen kulturhistorischen Begründungen zu verteidigen.

Uralte Wurzeln

Die Substanz des Stierkampfs ist ja weder mit "Kampf" oder "Sport" noch mit "Kunst" oder "Ritual" ausreichend beschrieben. Was dort auf dem gelben Sand abläuft, hat uralte mythisch-religiöse Wurzeln und hohe zirzensische Qualität; es bietet eine mächtige Metapher für das Leben selbst (jeden kann es erwischen, doch Stil kann dabei nicht schaden), es enthält viel soziale Symbolik (wenigstens hier steigen arme andalusische Landburschen zu Stars auf) und strahlt eine eigentümliche sexuelle Ambiguität aus, weil sich das spanische Ideal männlichen Verhaltens ausgerechnet in glitzernder, femininer, knalleng sitzender Kleidung verwirklicht.

Zur Sache selbst gehört, daß alles, was in der Arena geschieht, seine Regeln und Traditionen hat. Dieses Korsett gibt dem Kampf einen ästhetischen Rahmen und entfernt ihn zugleich vom Spektakel. Es macht das Publikum ernst, anspruchsvoll, unfrivol. Und es verwandelt die Tauromachie in ein Studiengebiet. Was die Augen der Nichtexperten als sensationell empfinden, ist es meistens nicht. Und worin sie Grausamkeit oder Tierquälerei sehen, das gehört für den aficionado zum ewigen Regelbuch, ist also keiner Erwähnung und noch weniger einer moralischen Verdammung wert. Den Stier mit Achtung zu behandeln, den er gleich blutüberströmt zusammensinken sehen wird, darin liegt für den Anhänger der Corrida kein Widerspruch.

Verletzungen sind Nebensache

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